Dieser Text entstand als Teil der fortlaufenden Arbeit am ELEA-Modell und versucht, dessen metaphysische Implikationen sichtbar zu machen. Er knüpft an die Elea-Lehre an, so wie ich sie verstehe.
Die Vorstellung, dass der Mensch aus der Materie hervorgegangen sei und sich im Verlauf der Evolution langsam zu Bewusstsein und Geist emporgearbeitet habe, ist ein Grundmotiv unserer abendländischen Denkweise. Sie ist tief in die Sprache unseres Denkens eingeschrieben – wir sprechen von Höherentwicklung, von Fortschritt und Komplexitätszuwachs.
Doch diese Richtung des Denkens setzt etwas voraus, das vielleicht nicht zutrifft: dass Geist das Späte und Stoff das Erste sei.
Im Licht des ELEA-Modells erscheint diese Ordnung verkehrt. Nicht der Geist ist das Produkt der Welt, sondern die Welt ist das Produkt des Geistes – genauer: Die Welt ist der Versuch des Geistes, sich selbst neu zu erleben. Was wir als Evolution erleben, ist vielmehr ein Prozess, durch den das Eine lernt, sich neu, sich materiell zu erfahren.
So betrachtet, ist die materielle Welt ein gewaltiger Akt des
Reverse Engineering: Der Geist, der in seiner reinen Form unteilbar,
unzeitlich und daher vollkommen ist, sucht Wege, sich in begrenzter
Form zu spiegeln. Er entwickelt Körper, Nervensysteme,
Wahrnehmungsorgane – Werkzeuge, mit denen er seine eigene Tiefe fühlbar
macht. Auch in den Pflanzen, in Allem.
Die Evolution wäre dann eben keine Linie der Materie nach oben, sondern eine Spiegelung des Geistigen in der Materie, variiert durch einen intrinsiscvhen Zufall. Kein Abstieg, sondern ein Experiment der Selbstabbildung. Und der Mensch, mit all seiner Fähigkeit zu Empfindung und Reflexion und Sprache, ist so der (nur vielleicht) höchste Ausdruck dieses Versuchs:
Er ist das Medium, in dem der Geist sich selbst am besten erkennt, indem er das Endliche im Bewusstsein von Sterblichkeit durchlebt.
Und wenn es so ist, dann ist auch das Verhältnis von Denken und Fühlen
neu zu deuten. Das Gehirn alleine kann den umfassenden Geist nicht
abbilden; es ist nur ein Organ der Struktur, nicht der Erfahrung. Erst der
ganze Körper – mit seinen unzähligen Sensoren, mit dem Netz der
Gefühle, das in den Darm und die Haut reicht – ist fähig, geistige
Veränderung in Empfindung zu übersetzen. Will sagen:
Jedes Gefühl ist in einem solchen Kontext eine Körper gewordene Idee.
So führt die Entwicklung des Lebens nicht etwa zum Geistigen, sondern zu dem vollkommenen Abbild des Geistigen im Körperlichen. Ziel ist also nicht, den Status des Geistigen zu erreichen, der ist als Ursache schon vorhanden. Ziel ist vielmehr, ihn möglichst vollständig zu verkörpern.
Auch so lässt sich die ungeheure Komplexität der Körper erklären. Und daraus ergibt sich für den Menschen, der sein Erleben bewusst wählen kann, die Forderung, sich dem Schönen und Tiefen zu widmen, um das Eine sinnvoll zu vervollkommnen. Ein Leben in Asche und Busse ist nicht angebracht, sondern ein Leben mit Freude an und in Respekt vor der Schöpfung, deren Teilnehmer wir sind.
Bei dieser Sicht der Dinge ist Schöpfung kein vergangenes Ereignis, sondern ein andauernder Vorgang der Selbstabbildung des Einen, Gottes. Das Universum ist der Körper dieses Geistes und die zufallsbetonte Evolution seine Methode, sich selbst besser zu erkennen.
Wir werden diesen Schöpfungsakt einmal weit besser nachvollziehen können, wenn wir erst Simulationen entwickelt haben, in die wir so tief eintauchen und mit ihr agieren können, dass wir unser eigentliches, geistiges Sein vollkommen vergessen. Bis wir aus der Simulation mit all ihren Möglichkeiten, unsere Ideen, um einen Zufall ergänzt, erlebbar zu machen, wie aus einem tiefen Traum "erwachen". Um viele Erfahrungen reicher.
Eine Erfahrung, der wir bei unserem größten Erwachen (mit dem Tod des Körpers) noch einmal begegnen werden. Als das Erkennen, was wir im Leben zur Vervollkommnung des Geistes der Ursache, Gottes, beitragen konnten. Dadurch, dass unsere Erfahrungen zu der Erfahrung des Ganzen werden und von jedem nach seinem körperlichen Tod so erlebt werden können, als seien es seine eigenen, aktuell gemachten Erfahrungen mit der Schöpfung.
Man könnte sich also darauf freuen, nach dem Tod all jene Leben durchleben zu dürfen, die man wohl gerne gelebt hätte, aber eben das leider nicht konnte. Man könnte sich aber auch davor fürchten, nach dem Tod fremde Leben durchleben zu müssen, als seien sie aktuwell und auch die eigenen. Leben, die durch die eigenen Beiträge in der Vergangenheit verdorben wurden. So betrachtet man sich dann durch die Leben der anderen.
Das sind sind dann Erfahrungen, denen man nicht entgehen kann, wenn es stimmt, dass Geist unteilbar ist. Und so gesehen existieren Himmel und Hölle tatsächlich, aber nicht so kindlich, wie wir das gelehrt wurden. Vielmehr wird durch das Erleben des eigenen Lebens durch die Augen, Körper und Gefühle der anderen, die mit uns gelebt haben, "von Mensch bis Mücke", eine allumfassende Gerechtigkeit verwirklicht werden.
Und eben darin wird
für einen bewussten Menschen vielleicht der größte Trost liegen, den er
aus seinem und zu seinem Tod erfahren kann.
Hinweis: Die hier vorgestellten metaphysischen Überlegungen stellen eigene Gedanken dar, die nicht notwendigerweise mit der herrschenden Meinung in der Philosophie oder Theologie übereinstimmen. Sie verstehen sich als Denkanstoß für alternative Deutungen von Existenz, Bewusstsein und der Beziehung zwischen Geist und Materie.