Das Werden des Ich

- Neuveroeffentlichung eines Aufsatzes von 2006 -

Copyright 2007 Dieter M. Schulz-Hoos, Muenchen

Einfuehrung - Worum geht's.

Die Meinungen des Menschen zu dem, was seinen Verstand, sein Bewusstsein und sein Ich ausmachen, sind so vielfaeltig und teils „schillernd", dass es eine Lebensaufgabe sein koennte, all diese Ansichten einmal nebeneinander, als Synopse der groessten Widersprueche im Denken des Menschen, aufzulisten.

Dieser Aufsatz hier will mehr. Er will deutlich machen, dass das Bewusstsein des Menschen kein Mysterium, sondern eine eindeutig herleitbare Groesse ist, wenn man sich nur die Muehe macht, zunaechst unser Verhalten im Alltag etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Dann zeigt sich, dass wir in unserem Verhalten von Entscheidungen gelenkt werden, die nicht einmal zu einem Prozent unserem bewussten Denken entstammen. Vielmehr folgen wir zu 99 Prozent den Vorgaben einer Instanz, die unsere Wahrnehmungs- und Gedaechtnisinhalte zu Ergebnissen kombiniert, die unmittelbar unser Verhalten steuern.

Ein autonomer Urverstand, der als Weiterentwicklung der Instinkte die hoeheren Tiere schon seit Jahrmillionen ihre Welt verstehen laesst, ohne dass sie dafuer denken muessten. Eine klar definierbare, durchschaubare Intelligenz, die wir aber bis heute uebersehen.

Und so, wie dieser Urverstand die leicht herleitbare Weiterentwicklung der Instinkte ist, so stellt Denken eine evolutionaer gefundene Weiterentwicklung des Urverstandes dar. Die nicht steuerbare "Programmintelligenz" Urverstand wurde durch eine steuerbare Intelligenz ergaenzt - durch das erlernbare Tagtraeumen in Gefuehlen und Bildern, spaeter auch in Begriffen und Saetzen. Denken eben.

So betrachtet sind wir Menschen eine Art evolutionaer gefundene "Dreifaltigkeit": Wir verfuegen ueber die uralten, meist verdeckten Instinkte; ueber die Urteile des autonom arbeitenden Urverstandes und wir verfuegen zusaetzlich ueber ein Denken, mit dem sich die Verhaltensvorgaben der beiden aelteren Institutionen in Frage stellen lassen.

Unser Ich ist bei dieser Herleitung menschlichen Geistes keine eigenstaendige Groesse mehr, sondern dieses Ich ergibt sich als gefuehltes Bewusstsein aus der Ueberschneidung von Instinkt, Urverstand und Denken. Ein Ich, das durch diese Polaritaet eine besondere Dynamik, Individualitaet und Einzigartigkeit erfaehrt.

Die Probe aufs Exempel zu dieser Herleitung des menschlichen Bewusstseins liefert am Ende des Aufsatzes die Hypnose. Jener Sonderzustand des Bewusstseins, in dem wir ueber aussergewoehnliche koerperliche und geistige Faehigkeiten verfuegen, in dem wir sehr kritiklos glauben, alles zu sein, was man uns suggeriert und in dem sich, gut dokumentiert, der empfindliche Geist des Menschen besonders schonend heilen laesst. Und lassen sich nun diese Phaenomene in Ursache und Wirkung mit der Struktur, mit der hier aufgezeigten Genealogie des menschlichen Geistes widerspruchsfrei erklaeren, so mag dies als Indiz fuer die Richtigkeit und Wichtigkeit dieses Aufsatzes gelten.

Doch das ist bereits das Ende. Den Anfang dieses Aufsatzes bildet, fast traditionell bei der Eroerterung von Bewusstsein und Hypnose, ein kleiner Selbstversuch:

Denken – „schnell" ueberschaetzt!

Schliessen Sie einmal fuer einen Moment die Augen, drehen sie sich zu einem Fenster und beobachten Sie nun im Augenoeffnen, wie schnell Sie das, was Sie gerade sehen, sprachlich benennen, wie schnell Sie also die wahrgenommene Welt mittels bewusster Kombination des Gesehenen zum Ausdruck bringen koennen. Das Ergebnis:

Unter 3 Sekunden wird ihnen die Benennung der Welt mit sprachlichem Denken nicht gelingen. Unter drei Sekunden ist Ihnen auch keine Kombination des Gesehenen zu einem bedeutsamen Eindruck moeglich. Trotzdem erkennen Sie auf den ersten Blick, dass das Auto, das da auf die Kreuzung zufaehrt, jetzt schnell bremsen muss. Ein in der Wahrnehmung enthaltenes Wissen, das Ihnen sofort mit dem Augenoeffnen und damit weit schneller zukommt, als es durch Nachdenken auch nur ansatzweise moeglich waere.

Passend dazu hat der Muenchner Gehirnforscher Ernst Poeppel herausgefunden, dass es zwar nur 0,03 Sekunden dauert, bis die beim Sehen im Gehirn eintreffenden Informationen zu einem Gegenwartseindruck verarbeitet sind, dass es aber die 100fache Zeit braucht, rund 3 Sekunden, bis sich der Mensch mittels seines Denkens in diese Gegenwart eingeordnet hat.

Weshalb Aktivitaeten, die der Mensch aus Anlass des bewussten Denkens erledigt, vom Trinken eines guten Schlucks Wein bis zum Vorsprechen von Versen, laut Poeppel in einem fuer Menschen typischen Drei-Sekunden-Rhythmus geschehen.

Selbstversuch und Hirnforschung zeigen somit, dass der Mensch sein Denken in puncto Schnelligkeit zumeist weit ueberschaetzt. Zwar glauben wir alle, dass wir unser Verhalten mit dem Denken veranlassen, doch fuer die meisten Wechselfaelle des Lebens ist das Denken mit Drei-Sekunden-Entschluessen viel zu langsam.

Oft brauchen wir unser Denken fuer ein angepasst richtiges Verhalten auch garnicht. Beispiel:

Wir fahren mit dem Auto durch die belebte Stadt, weil wir den Anwalt treffen wollen, mit dem wir unser neues, von den Handwerkern falsch gebaute Haus vor Gericht zur Sprache bringen wollen. Wir sehen auch schon die zerknirschten Handwerker nach dem ungnaedigen Richterspruch vor uns, wie sie den Pfusch wieder herausreissen. Und dann, mitten im erlebten Erfolg dieser Wiedergutmachaktion, da "erwachen" wir aus unseren Zukunftsgedanken, stehen mit dem Auto bereits vor dem Haus des Anwalts und muessen uns nur noch bewusst fuer einen von drei freien Parkplaetzen entscheiden.

Eine Autofahrt, die nicht von unserem Denken gesteuert wurde, denn das war ja bis zum Eintreffen beim Anwalt, im Haus, vor Gericht und noch sonst wo unterwegs. Wir sahen und fuehlten eine innere Realitaet, einen Tagtraum, waehrend "jemand anders" die aeussere Realitaet wahrnahm und den Wagen sicher durch die belebte Stadt steuerte. Nur bei mehrdeutigen Situationen sind wir vielleicht einmal kurz mit unserem Denken im Auto gewesen. So wie ganz zum Schluss, bei der Wahl eines von drei freien und gleichwertigen Parkplaetzen, wo eine freie, von keiner Logik abhaengige Entscheidung zu treffen war.

Doch was - wenn schon nicht das Denken - hat uns heil durch den Verkehr gebracht? Wer dirigierte unseren Koerper genauso gut wie das Denken - nur weitaus schneller?

Automatismen - Schnell, aber blind!

Erklaeren koennten das "denkblinde Autofahren" erworbene Automatismen. Erlernte und trainierte Verhaltensmuster, die auf bestimmte Wahrnehmungsinhalte hin ohne unser bewusstes Zutun ablaufen und dann schalten, lenken, bremsen.

Doch diese Meinung hat ein Problem, denn waeren es tatsaechlich Wahrnehmungsinhalte an sich, die diese Automatismen ausloesten, so waere wohl jeder in Gedanken versunkene und dabei autofahrende Mensch ein in seinen Automatismen voellig sinnlos zuckendes Buendel, denn fast jede Sinneswahrnehmung weist immer gleich dutzende Inhalte auf, die einen der Automatismen ausloesen koennten. Wir bremsen aber beim Autofahren, ohne nachzudenken nicht fuer jeden Fussgaenger oder Radfahrer, den wir sehen, sondern nur fuer diejenigen, die uns ansonsten in einer erwartbaren Zukunft vor dem Auto liegen wuerden.

Der denkblinde Fahrer reagiert also nicht auf Wahrnehmungsinhalte an sich, vielmehr wird hier eine virtuelle, nur mit der Logik erwartbare, aber noch nicht wahrnehmbare Zukunft beruecksichtigt. Eine Zukunft, die aus der Gegenwart als Erkenntnis abgeleitet werden muss. Und erst diese Erkenntnis zur logisch erwartbaren Zukunft ist es dann, die den schnellen, aber blinden Automatismen "die Augen oeffnet" und sie in Aktion treten laesst. - Ein anderes Beispiel, bei dem auch unser Denken mit von der Partie ist:

Sehen wir einen Hammer, dann wissen wir bereits im Moment der Wahrnehmung und ohne nachzudenken, um was es sich dabei handelt: Dass dieses Ding schwer ist und dass es, wenn es runterfaellt, Schmerzen zur Folge hat, wenn es unsere Zehen trifft. Worauf etwas in uns blitzschnell den Fuss wegzieht, bevor wir drei Sekunden spaeter auch mit dem Denken zu dem Schluss kommen, dass es gut war, dass "wir" so schnell den Fuss weggezogen haben. Und erstaunlich ist nun folgendes:

Obwohl wir in diesem Fall sehr gut nachvollziehen koennten, dass unser Denken der Fuss schonenden Aktion um Sekunden hinterherhinkte, so glauben wir dennoch, unser Denken haette die schmerzhafte Zukunft vorausgesehen und daher den Befehl zum Wegziehen gegeben. Eine glatte Fehlannahme, doch es kommt noch "schlimmer":

Betrachten Wissenschaftler unseren Alltag, so faellt ihnen auf, dass wir tatsaechlich unter einem Prozent unseres Verhaltens mit dem bewussten Denken steuern. Zwar mag unser Denken zuweilen der Anlass sein, etwas ganz Bestimmtes zu tun, etwa einen Kasten Bier zu kaufen, aber kaum ist diese bewusste Entscheidung zu einem Verhalten gefaellt, so ist das Denken wieder in seinen eigenen Welten unterwegs und ueberlaesst die weitere Ausfuehrung des Lebens einer Steuerung, die das auch ganz ohne das Denken kann.

Etwa indem uns diese Steuerung mit dem Auto sicher zum Getraenkehaendler faehrt, waehrend wir denkend den Grillabend vorbereiten, die braun-gebratenen Wuerstchen sehen, riechen und so den Grillabend schon einmal "vorweg geniessen."

Doch nicht nur, wenn es um ein taetiges Verhalten geht, auch wenn es darauf ankommt die Umwelt, ein Tier, eine Person, eine Rasse, Gegenstaende, Meinungen und letztlich alles nur denkbare alltagsschnell zu beurteilen, so faellen wir dieses Urteil nicht mit dem Denken, sondern ueberlassen es einer Groesse in uns, die das viel schneller kann als das Denken. Es ist dann, als waeren wir ein Bio-Roboter, der eine Seele im Kopf durch die Gegend traegt, die zuweilen auch einmal durch die Augen schaut, aber die meist mit sich selbst beschaeftigt ist.

Weltverstehen - Eine Frage des Prinzips!

Automatismen sind es also nicht, die unseren Koerper in seinem Verhalten steuern. Und das Denken ist es auch nicht, denn das ist zu langsam fuer eine schnell veraenderliche und daher gefaehrliche Welt. Das Denken ist eher eine Art Koenig, der in der Saenfte des Koerpers durch die Welt getragen wird und der, wenn nicht gerade eitel mit sich selbst beschaeftigt, gelegentlich Streitfaelle entscheidet oder Anweisungen gibt.

In uns muss demnach eine eigenstaendige, eine autonome Art von Intelligenz existieren, die zusaetzlich zu der bewusst erzeugbaren Intelligenz des Denkens vorhanden ist. Eine Intelligenz, die sich mit einem Koenig des Denkens schmueckt, diesen fuer das schnoede Alltagsgeschaeft aber nicht benoetigt. Und die beste Antwort, was es mit solch einer autonomen Intelligenz auf sich haben und wie diese im Prinzip funktionieren koennte, haben ausgerechnet die Erforscher der KI, der "kuenstlichen" Intelligenz gefunden. Sie erkannten, dass man auch ganz ohne Denken eine weltverstehende Intelligenz erzeugen kann. Durch das Gedaechtnis und dessen Arbeitsprinzip.

Ein derartiges Gedaechtnis speichert konkrete Wahrnehmungen nicht als "Filmchen aus der Welt" ab, sondern es werden zunaechst nur die abstrakten Inhalte der aktuellen Wahrnehmung ermittelt und zusaetzlich auch noch die Logik, die diese Inhalte miteinander verbindet. Nur diese abstrakten Inhalte und die dazugehoerige Logik werden dann gespeichert. Beispiel: Die Wahrnehmung eines beliebigen Rades kann man auf die Form eines Kreisbogens mit einem Mittelpunkt reduzieren. Das sind die abstrakten Inhalte der Wahrnehmung. Und eine die Inhalte verbindende Logik lautet, dass sich der Kreisbogen um seinen Mittelpunkt drehen kann.

Und sind nun diese abstrakten Wahrnehmungsinhalte samt zugehoeriger Logik im Gedaechtnis abgespeichert, dann ist es dem Traeger dieses Gedaechtnisses in Zukunft moeglich, jedes Rad dieser Welt als Rad zu erkennen. Ein Riesenrad so gut wie ein Zahnrad oder ein Karussell. Vereinfacht und als Prozess ausgedrueckt geht das wie folgt vor sich:

Zunaechst wird die aktuelle Wahrnehmung auf ihre abstrakten Inhalte reduziert. Diese koennen dann aufgrund der Abstraktheit wie Symbole besonders schnell und treffsicher den vorhandenen, ebenfalls abstrakten Gedaechtnisinhalten zugeordnet werden. Und zusaetzlich wird die Kombination aus wahrgenommenen und gedaechtnishaften Inhalten noch um jene Logik ergaenzt, die dazu im Gedaechtnis vorliegt.

Auf diese Weise erhaelt jede aktuelle Wahrnehmung in Sekundenbruchteilen eine Art Randbeschreibung, die ihr eine von Logik und Erfahrung gepraegte Bedeutung gibt, auf die der Koerper blitzschnell reagiert. Denken ist dazu nicht erforderlich.

Intelligenz - Ihr Wesen ist die Abstraktion!

Wenn also die Frage lautet, was uns die Welt sofort mit dem Augenoeffnen verstehen laesst und wer oder was unser Verhalten im Auto steuert, waehrend wir an huebsche Maedchen denken, dann heisst die moegliche Antwort jetzt:

Dahinter steckt ein Gedaechtnisprinzip! Ein Prinzip, bei dem Wahrnehmungen zunaechst auf ihre abstrakten Inhalte reduziert, dann mit ebenfalls abstrakten Gedaechtnisinhalten kombiniert und zusaetzlich noch um die Logik ergaenzt werden, die zu diesen Inhalten im Gedaechtnis gespeichert ist.

So erhaelt jede Wahrnehmung fuer jedes Lebewesen ohne zu denken eine Bedeutung, die sich nach dem Inhalt seines ererbten und/oder erworbenen Gedaechtnisses richtet. Tiere koennen sich daher - abseits der Instinkte - sehr klug verhalten. Ihr Gedaechtnis und dessen Arbeitsprinzip macht sie klug, ohne dass sie dazu bewusst irgendetwas beitragen muessten oder koennten. Das zeigt auch das folgende Beispiel:

Eine junge Katze trifft auf einen Hund und wird von ihm gebissen. Diese Katze wird in Zukunft jeden Hund als Feind erkennen, obwohl alle diese Hunde immer voellig anders aussehen werden. Die Identitaet der abstrakten Merkmale in Wahrnehmung und Gedaechtnis kompensiert die Ungleichheit in der konkreten Erscheinung. Die Katze lernt so aus einem einzigen Zwischenfall fuer unzaehlige inhaltlich-logisch aehnliche. Oder anders betrachtet: Das Lernen schreitet mit solch einem Gedaechtnis millionenfach schneller voran, als es mit einem konkret erinnernden Gedaechtnis moeglich waere.

Gleichartiges muss aufgrund der Abstraktion auch nur ein einziges Mal abgespeichert werden, um danach fuer unzaehlige Wahrnehmungen als inhaltlich-logische Ergaenzung zur Verfuegung zu stehen. Das spart Speicherplatz, Hirnkapazitaet, denn so, wie man mit wenigen abstrakten Ziffern die Welt fuer unendlich viele konkrete Faelle voraussagen, berechnen kann, so koennen mit abstrakten Gedaechtnisinhalten unendlich viele konkrete Wahrnehmungen um eine logisch erwartbare Zukunft ergaenzt werden. Nicht bewusst, sondern als Folge einer logischen Verknuepfung der abstrakten Inhalte. - Mehr noch:

Ist ein Gedaechtnis abstrakt angelegt, so duerfen Wahrnehmungen auch ohne Probleme unvollstaendig sein, denn aufgrund der Abstraktion koennen Teilwahrnehmungen inhaltlich-logisch sehr treffsicher zur Vollstaendigkeit ergaenzt werden. Auch eine so rudimentaere Wahrnehmung wie das hier: :-) Und tatsaechlich macht denn auch der Input seitens der Sinnesorgane immer nur einen Bruchteil dessen aus, was im Gehirn eines Tieres oder Menschen an ergaenzender, wahrgenommener Gesamtaktivitaet entsteht.

Kurz: Es gibt eine vom Menschen kaum beachtete prinzipielle Art von Intelligenz, die auf einem Arbeitsprinzip des Gedaechtnisses beruht und die einen eigenen, einen neuen Namen verdient: Der autonome Urverstand! Urverstand, weil diese Intelligenz seit Urzeiten alle wahrnehmenden Lebewesen ihre Welt ganz ohne Denken verstehen laesst. Und autonom, weil man es mit einer Intelligenz zu tun hat, die als Verknuepfungsprinzip so wenig unter der Kontrolle der Lebewesen steht wie die Ergebnisse der Mengenlehre - einer Verknuepfungslogik, die fuer unser Universum gueltig ist.

Verhalten - Auf der Spur der Gefuehle!

Unbewusste, blitzschnell zu Ergebnissen gelangende Intelligenz ist also erklaerbar. Hier mit einfachen Worten, wissenschaftlich mit Mathematik. Und mit der Aussage, dass der Hintergrund der wahrgenommenen Welt spaetestens seit dem Nobelpreisphysiker Werner Heisenberg als abstrakt angesehen werden muss. Womit jedem Lebewesen aus Prinzip die abstrakten Inhalte der Welt als Wahrnehmungs- und Gedaechtnisinhalt zur Verfuegung stehen. Eine Ergaenzung aus der Physik, ohne die es unsinnig waere, eine autonome, auf der Verknuepfung abstrakter Inhalte beruhende Intelligenz anzunehmen.

Bleibt aber natuerlich die naheliegende Frage, wie sich dieser autonome Urverstand bei den Lebewesen von damals bis heute, von der Urzeit bis zum Menschen, bemerkbar machen soll. Und um das zu verstehen, bietet es sich an, zunaechst einmal die aelteste Verhaltenssteuerung des Menschen naeher zu betrachten - die sogenannten Instinkte.

Instinkte sind ererbte Verhaltensmuster, die zu bestimmten Wahrnehmungen aehnlich wie Automatismen stur ablaufen. In der Regel handelt es sich um bestimmte Verhaltensweisen bei Fortpflanzung, Gefahr, Brutpflege und anderem. Das Instinktverhalten entspricht dabei dem Verhalten der Ahnen. Besser: Der Summe der Erfahrungen, die mit einem solchen Verhalten gemacht wurden.

Und weil es sich um eine Summe handelt, aendert sich das Instinktverhalten erst dann, wenn ueberaus viele Einzelschicksale die Untauglichkeit eines Verhaltens durch Dezimierung der Population erwiesen haben. Wenn zufaellige Mutationen im Verhalten bessere UEberlebenschancen haben, sich durchsetzen koennen.

Auch der Mensch hat solche Instinkte, trotz seines hochentwickelten Urverstandes und trotz eines bewusst steuerbaren Denkens.

Hoeren wir etwa einen sehr lauten Dauerton, zu dem der Urverstand blitzschnell keine gedaechtnislogische Bedeutung erstellen und das Denken keine moegliche Bedeutung finden kann, dann meldet sich als Nothilfe der uralte Fluchtinstinkt. Mit dem intensiven Gefuehl fliehen zu sollen.

Ein Gefuehl, das sich bei Nichtbefolgung und bleibender Dauertonwahrnehmung steigern kann, womit es in der Lage ist, beim Menschen Urverstand und Denken zu ueberwinden. Der Mensch flieht dann rein instinktgesteuert - in gefuehlter Panik.

Aber auch unsere anderen Instinkte melden sich ueber Gefuehle, etwas Bestimmtes tun oder lassen zu sollen. So verspuert ein Menschenmaennchen bei Wahrnehmung eines huebschen, Gesundheit und Jugend anzeigenden Pos eines Menschenweibchens Lust auf Sex. Und der Geruch faulenden Fleisches laesst Maennchen wie Weibchen mit dem Gefuehl des Ekels instinktiv vor der Speise zurueckweichen. Alles keine Sache der UEberlegung, sondern des aufsteigenden Gefuehls bei den Instinkten.

Und da man nun zeigen kann, dass der autonome Urverstand nichts anderes ist, als die Fortfuehrung der Instinktsteuerung, nur dass nicht mehr eine Summe von Erfahrungen, sondern ein einziges individuelles Erlebnis das Verhalten in der Zukunft bestimmen kann, wird verstaendlich, dass sich der Urverstand beim Tier, und auch beim Menschen, heute noch genauso zu Wort meldet, wie sein Urahn - der Instinkt. Mit Gefuehlen, mit einem gefuehlten Wissen, das uns ganz ohne unser Zutun, sozusagen "instinktiv auf die moderne Art", schneller reagieren laesst, als wir es mit dem Denken je koennten.

Wir glauben zwar, die Gefuehle, die uns zu unseren Welt- und Selbstwahrnehmungen entstehen, entstammten unserer Seele, waeren sozusagen der "herzliche" Aeusserung zu dem, was uns an Welt- und Selbstsicht widerfaehrt. Doch so ist es nicht.

Die Gefuehle, die wir aus unterschiedlichsten Anlaessen erleben, manchmal auch "hausgemacht" aus Anlass unseres Denkens und Handelns, sind die aeltesten Zuegel, mit denen die Evolution die Lebewesen in ihrem Verhalten und heute beim Menschen bis in dessen Denken hinein steuert.

Gefuehle sind also keine froh, traurig, selbstbewusst oder niedergeschlagen machenden AEusserungen einer unbekannten Seele, sondern die Folge davon, dass wir als Menschen die gleiche Geschichte wie alle anderen Lebewesen auch haben. Lebewesen, deren Verhalten schon immer einer Steuerung bedurfte und die schon immer ueber Gefuehle erreicht wurde.

Warum wir trotzdem glauben, in den Gefuehlen unsere Seele unser eigentliches Ich zu erkennen, das hat etwas damit zu tun, dass unser Ich sich aus der UEberschneidung von Instinkten, von Urverstand und von Denken bildet.

Doch dazu kommen wir spaeter. Jetzt steht erst einmal die Frage an, wie es aufgrund eines abstrakten Gedaechtnisses dazu kommen kann, dass wir im Laufe des Lebens alle eine unterschiedliche Persoenlichkeit entwickeln. Und was Persoenlichkeit ist.

Gedaechtnis - Schwergewichte im Netz der Logik!

Will man bildlich verstehen, was es mit einem abstrakten Gedaechtnis auf sich hat, will man verstehen, welche Ursache jene Gefuehle haben, die uns der autonome Urverstand zu unseren Wahrnehmungen als deren Bedeutung hinzugesellt, dann kann man gut auf ein einfaches „Modell aus der modernen Physik“ zurueckgreifen. - Einstein laesst gruessen.

Stellen Sie sich daher das Gedaechtnis jetzt einmal als ein frei in der Luft gespanntes, feines Fischernetz vor, das aus Faeden der Logik eng geknuepft sei. Lege ich nun auf dieses Netz emotional aeusserst belastende Inhalte, so bilden sich um diese Inhalte tiefe Trichter. Der Effekt: Andere Erlebnisse werden ueber die Faeden der Logik mit dem tiefen Trichter verbunden, erhalten ueber das verzerrte Netz die jeweilige Bedeutung des schwerwiegenden Erlebnisses durch logische Naehe uebertragen.

Dieses Bild zeigt auch sofort, was passieren muss, wenn sehr schwerwiegende Inhalte durch den ausgepraegten Trichter dafuer sorgen, dass immer mehr Inhalte aus unserem taeglichen Erleben, aus gewaehlten Gedanken und vor allem aus ungesteuerten Traeumen dort mithineingezogen werden. Dieses Bild ist selbsterklaerend. Bis zum Riss, bei dem die Gedaechtnislandschaft wieder verflacht, aber dafuer nun Luecken aufweist. Gedaechtnisluecken. Und Bereiche des Gedaechtnisses, in denen neue Erfahrungen verschwinden wie in einem schwarzen Loch, als gaebe es keine Logik, die sie halten wolle.

Man sollte sich ein Gedaechtnis, bei dem es sich um durch Logik verbundene Inhalte handelt, also nicht statisch als "Gedaechtnisschrank" mit Schubladen vorstellen, die auf und zu gehen. Aber auch nicht als eine unverstaendliche Geistesmathematik.

Das Bild des Netzes zeigt diese komplexe Mathematik in geometrischer Darstellung! Und dann erkennt man ganz ohne Anstrengung eine "Gedaechtnislandschaft" mit Hoehen und Tiefen, entstanden durch Erlebnisse, Gedanken und Traeume, die wie die Gewichte in einem Netz wirken und durch dessen Faeden der Logik verbunden sind.

Und stellt man sich nun noch vor, dass dieses Netz durch die staendig "einfallenden" leichten, aber auch schweren Erfahrungen auf und nieder schwingt, so dass besonders "tiefen Einschlaegen" oft ein kurzes Aufschwingen ins Positive folgt, so erhaelt man ein passendes Bild zu einem dynamischen Gedaechtnis, zu einem dynamischen Urverstand. Eine bildliche Erklaerung, warum Depressionen sehr oft eine Nachschwankung in die Manie, in den uebersteigerten "Frohsinn an sich selbst" haben.

Und noch etwas stellt dieses dynamische Gedaechtnismodell klar:

So veraenderlich wie das Gedaechtnis in seiner "Landschaft" in ihren Hoehen und Tiefen ist, so dynamisch veraenderlich sind auch die Gefuehle, die uns als urverstandliche, als gefuehlte und oft nicht gerufene Beigabe zu jeder Welt- und Selbstwahrnehmung erreichen. Schon ein einziger positiv oder negativ schwerwiegender Traum kann uns die Welt und uns selbst am naechsten Morgen in einem voellig neuen, anderen Licht zeigen, ohne dass wir uns dieses neue Lebensgefuehl erklaeren koennten.

Es scheint dann zwar, als stecke hinter diesen unerklaerten Gefuehlen eine launische und unberechenbare zweite Persoenlichkeit in uns, doch tatsaechlich begegnen wir hier den Wirkungen eines dynamischen Gedaechtnisses, das ueberwiegend durch Inhalte geformt wird, die wir nicht kennen. Was zur Folge hat, dass wir ueber den Urverstand (der mit dieser unbekannten Gedaechtnislandschaft angesprochen ist)  zu einem Verhalten veranlasst werden, dessen Sinn und Ziel wir nicht kennen. Wir glauben das lediglich – dann, wenn unser Denken in unserem Verhalten eine zielgerichtete Logik zu erkennen glaubt, die auch die seine sein koennte.

Urverstand - Wehe, wenn er im Wachzustand schweigt!

In unserem ersten, blitzschnellen, weil autonomen Welt- und Selbstverstehen sind wir also die Gefuehlssklaven unseres Gedaechtnisses. Und wie sehr wir als Sklaven dieses dynamische Gedaechtnis brauchen, um uns lebendig zu fuehlen, das zeigt sich, wenn im Laufe eines Lebens das "Gedaechtnisnetz" mit immer mehr Inhalten belastet wird:

Das Netz buesst dann an Schwingungsfaehigkeit ein, und der aeltere Mensch wird durch freudige oder traurige Erlebnisse nicht mehr in dem Masse erregt und im Lebensgefuehl beeinflusst, wie der junge. Er hat einen gewissen „status emotionalis“. Und da sich die Landschaft im Laufe der Zeit fest um die einzelnen "Trichter" gefuegt hat, ist auch das Weltverstehen des aelteren Menschen zumeist sehr fest gefuegt - und invariabel.

Leichter verstaendlich, wenn man sich an dieser Stelle daran erinnert, dass unser Weltverstehen zu ueber 99% nicht etwa mit dem bewussten Denken, sondern blitzschnell und autonom erzeugt wird. Es kommt uns als das Ergebnis von gedaechtnisbezogenen Ergaenzungen mit unseren Selbst- und Weltwahrnehmung zu.

Wie sehr wir diese Art von Gedaechtnis und den sich aus ihm erklaerenden autonomen Urverstand brauchen, das wird auch erkennbar, wenn jemand diesen Urverstand nicht mehr deutlich wahrnimmt. Dann erhaelt man einen Menschen, der die Welt und sich selbst nicht mehr "automatisch", in der Wahrnehmung versteht, der daher furchtbare AEngste erleidet und sich gruebelnd langsam, oft schon katatonisch, zu allen Sinnes- und Selbstwahrnehmungen eine moegliche Bedeutung (aus)denken, (er)finden muss. Der Betroffene lebt in einer fuer andere unverstaendlichen, weil "privat bedeuteten" Welt.

Und wenn er behauptet, man habe ihm alle Organe vergoldet oder bestrahle ihn mit boesen Wellen aus der Nachbarschaft oder auch aus dem All, dann ist das eine von ihm erdachte Deutung seiner Selbstwahrnehmungen, an die er glauben muss, denn er hat nichts anderes mehr, an das er glauben koennte.

Die bisher voellig "geraeuschlos" und unbemerkt arbeitende Intelligenz, sein Urverstand, der ihm seine Wahrnehmungen erst verstaendlich machte, schweigt, und er nimmt nur noch sein eigenes Denken wahr. Und das in der "Stille des Urverstandes" so laut, dass er meint, er hoere fremdes Denken oder sein Denken koenne von Fremden gehoert oder gesteuert werden, er habe sozusagen keine Grenzen mehr.

Eine Psychose, entstanden durch den zeitweiligen, oft auch schwankenden Verlust des gewohnten Urverstandes in der Wahrnehmung. Der Verlust der autonomen Intelligenz "zugunsten" eines Denkens, das sich mit Aufgaben konfrontiert sieht, die es nicht erfuellen kann, denn die Bedeutungen der Dinge haften diesen ja nicht an wie Farbe, sondern diese Bedeutungen entstehen erst aufgrund eines Abgleichs von Gedaechtnis- und Wahrnehmungsinhalten. Ein Prozess, viel zu komplex, um mit dem Denken auch nur ansatzweise bewaeltigt werden zu koennen. - Im Vergleich:

Wollten wir das, was uns auf dem Monitor des Computers ein verstehbares Bild entstehen laesst, mit unserem Denken steuern, so waeren wir macht-, hilf- und letztlich auch ohne Bild. Und das, obwohl wir die Prozesse gut verstehen und sie sogar selbst erfunden, sozusagen selbst in die Welt gebracht haben.

AEhnlich ist es auch mit Gedaechtnis und Urverstand:

Obwohl wir durch die Auswahl bestimmter Lebenssituationen und auch Gedanken das Gedaechtnis gezielt praegen koennen, so koennen wir nicht bewusst steuern, wie sich uns daraus ein gefuehltes Welt- und Selbstbewusstsein ergibt. Das bleibt autonom.

Und scheint es schon erstaunlich, dass es tatsaechlich eine Groesse namens Urverstand gibt, die von den Psychologen das Unbewusste genannt wird, und die uns in unserer Welt- und Selbstwahrnehmung deutlich beeinflusst, auf die wir aber keinen Zugriff haben, so ist noch eine Steigerung im Erstaunen moeglich:

Und zwar dann, wenn man sich mit der Logik die Frage stellt, was es wohl mit unserem Denken auf sich haben kann und muss. Also mit jener Errungenschaft, von der manche glauben wollen, sie sei unmittelbar auf Gott zurueckzufuehren, auf dessen uns "eingehauchten Geist". - Es gibt eine bessere, wenn auch erstaunliche Antwort.

Traum - Bote von Denken und Bewusstsein!

Wie bereits angesprochen gibt es eine Linie der Entwicklung, die von den Instinkten als summarischem Gedaechtnis der Ahnen zum individuellen Gedaechtnis des einzelnen Lebewesens fuehrt. Der Instinkt, der die Erfahrungen der Ahnen beruecksichtigt, wurde durch den Urverstand ergaenzt, der auch individuelle Erfahrungen beruecksichtigt, wenn es darum geht, unser Verhalten ueberlebenstauglich zu steuern.

Und eben deshalb, weil es diese nachvollziehbare Entwicklung gibt, deshalb sollte sich das Denken des Menschen, diese neueste Errungenschaft der Evolution, aus einer Fortfuehrung dieser Entwicklungslinie ergeben. Als UEberwindung eines Nachteils. Also so, wie unser individuelles Gedaechtnis eine UEberwindung der grossen Nachteile eines summarischen, des vererbten Gedaechtnis' ist. Wie dieses keine Lernfaehigkeit im Leben kennt und zulaesst, sondern auf die gesammelten Erfahrungen der Vorgaenger zugreift.

Wenn wir also fuer den Urverstand feststellen, dass er als Verknuepfungslogik keinem unmittelbaren Zugriff durch das Wollen unterliegt, also nicht steuerbar ist, so waere es eine UEberwindung dieses Nachteils, eine mit Wollen steuerbare Intelligenz zu besitzen.

Und wie wir es von uns selbst wissen, erfuellt das Denken genau diese Aufgabe. Und noch andere mehr. Es kann Handlungen einleiten, die das Gefuehl des erfahrungsgemaess Vernuenftigen zugunsten einer eigenen Vorstellung zurueckdraengen. Es kann somit ein Lebewesen aus der Sklavenhaltung der gedaechtnisorientierten Verstandestradition befreien.

Und obwohl es zunaechst kaum vorstellbar erscheint, dass ausgerechnet dieser moegliche Gegner des Urverstandes von diesem selbst geboren wurde, so ist unser Denken tatsaechlich der naechtlich gezeugte Sohn des Urverstandes. Das erklaert sich so:

Hoehere Lebewesen, die einen ausgepraegten Urverstand haben, zum Beispiel die Saeugetiere, aber auch andere, sind nicht staendig wach, sondern kennen unterwache oder Schlafzustaende in einem mehr oder weniger festen Rhythmus. In diesem Zustand liegen dann keine oder eher nur sehr schwache Sinneswahrnehmungen vor, so dass viel Gehirnkapazitaet bereitsteht, in der sich das individuelle Gedaechtnis ohne den Anlass von Sinneswahrnehmungen abbilden kann. Also nicht als Ergaenzung, sondern aus sich heraus, eigenstaendig - als Traum.

Da nun aber Gedaechtnisinhalte grundsaetzlich abstrakter Natur sein muessen, also nur Inhalt und Logik aufweisen, keine konkret wahrnehmbare Gestalt haben, koennen und muessen sie eine dem Inhalt und der Logik entsprechende Gestalt im Traum erst noch erhalten.

Die Mathematik des Geistes zieht sich sozusagen die passenden Kleider der Wahrnehmbarkeit ueber. Womit der unnahbare Vater einem Kind im Traum als glatter Fels erscheinen mag, dessen Hoehe es nicht erreichen kann, ohne abzurutschen und sich wehzutun.

Die Formlosigkeit abstrakter Gedaechtnisinhalte hat also zur Folge, dass diese im Traum ein beliebiges, aber doch logisch passendes Kleidchen der Wahrnehmbarkeit erhalten. Der Traum als unmittelbarste Wahrnehmung von Gedaechtnisinhalten bekommt so die Funktion eines Vergleichs, weil sich Unverstandenes in anderer Weise praesentieren und deshalb "im Schlaf" doch noch verstanden werden kann.

Die freudsche Traumdeutung, hier erklaert aus dem Umstand, dass ein Gedaechtnis, das zum neuen Weltbild der Physik passen und das Intelligenz im Sinne von Urverstand ermoeglichen muss, zwingend abstrakte Inhalte hat, deren Wahrnehmung im Traum eine Huelle verlangt, die der damit verbundenen Logik Rechnung traegt. In einer Tiefe des Erlebens, die den Hoehen und Tiefen der Gedaechtnislandschaft entspricht.

Und sollte die Landschaft tiefe Trichter aufweisen, sollte eine tief gefuehlte Depression vorliegen, kann es daher sinnvoll sein, Traeume der darstellenden Art, vorwiegend Morgentraeume, nicht zuzulassen durch Schlafentzug. So wird zumindest vermieden, dass sich durch immer gleiche, das Gedaechtnis bildhaft darstellende Traumerlebnisse, selbstverstaerkende Effekte ergeben, mit denen die Tiefen noch tiefer werden.

Besser waere es jedoch ohne Frage, den Menschen in dieser Schlafentzugszeit mit Traeumen zu versehen, die von einem Therapeuten aktiv begleitet werden. Dazu jedoch erst gegen Ende dieses Aufsatzes, bei der Definition von Hypnose mehr.

Interessant ist hier nur die Frage, was passieren muss, wenn ein beliebiges Lebewesen durch eine evolutionaer zunehmende Hirnkapazitaet (beim fruehen Menschen nimmt man eine Abnahme der Gebissmuskulatur als moegliche Ursache an) nicht nur des Nachttraums, sondern auch des Tagtraums faehig wird. Wenn sich ihm also zusaetzlich zur autonom vom Urverstand vorbedeuteten aeusseren Realitaet noch eine innere Realitaet auftut, die ihm im guenstigen Fall die Aussenwelt in traumhaft vergleichender Darstellung zeigt.

Ist das der Fall, so kann das Lebewesen seine Aussenwelt erstmals in Kritik nehmen, es kann der Aussenwelt die zusaetzlich erlebte Innenwelt entgegensetzen. Und zwar umso besser, je mehr es ihm gelingt, seine Tagtraeume zu provozieren, sie zu lenken und aus ihnen auszuwaehlen. Also genau das zu tun, was die Kinder der Menschen in den ersten Lebensjahren - in gezeigter Zeitraffer-Evolution - auch heute noch tun - tagtraeumend denken zu lernen. Eine eigene, gewollte, steuerbare Intelligenz zu entwickeln.

Sic!

Denken ist bei dieser Herleitung also nichts anderes als die logische Folge davon, dass sich abstrakte Gedaechtnisinhalte, die zunaechst nur eine autonome Intelligenz namens Urverstand ermoeglichen, bei zunehmender Hirnkapazitaet nicht nur als vergleichende Nacht-, sondern auch als Tagtraeume aeussern koennen. Als erlernbar steuerbare innere Welten. Womit der Art, der das in ihren einzelnen Lebewesen widerfaehrt, ein erstes, ein fruehes Bewusstsein entsteht.

Bewusstsein, hier verstanden als die Moeglichkeit, der vorgegebenen und urverstandlich vorbewerteten Welt des AEusseren eine innere Welt des selbst gesteuerten Gedachten entgegensetzen zu koennen. Als gewolltes und gefuehltes Selbst, als Individuum.

Und sogar die Art und Weise, wie ein solches, fruehes Bewusstsein als Gefuehl entsteht, koennen wir heute noch gut in einer Art Zeitraffer nachvollziehen, wenn wir einmal aus einem tiefen Traum langsam erwachen. Vor allen Dingen morgens, dann wenn unser Gedaechtnis dazu neigt, besonders intensiv Gestalt anzunehmen.

Zweifel - Wie das Bewusstsein erwacht!

Im Traum hat der Mensch kein Bewusstsein, zumindest keines im Sinne von Descartes und auch keines im Sinne der Medizin, denn er kann keine Kritik an dem Erleben aeussern, er muss die wahrgenommene Traumwelt einfach hinnehmen und durchleben, ohne Zweifel an ihr zu haben. Er weiss nicht einmal, was Zweifel ist oder sein koennte.

Erwacht der Mensch aber langsam aus dem tiefen Traum, so bemerkt er eine weitere, aeussere Realitaet, er liegt im Bett statt in der Folterkammer des Descartes, und er kann dann die Traumrealitaet in Frage stellen. Er kann feststellen, dass ihn diese Realitaet nur im Schlaf betrifft, und er hat so Bewusstsein zu seiner Wachrealitaet (wieder)erlangt.

AEhnlich, nur umgekehrt und ueber Jahrzigtausende verteilt, ist der fruehe Mensch wohl einst aus seiner Wachrealitaet aufgewacht. Er hat zunehmend erkannt, dass es noch eine innere, steuerbare Tagtraumrealitaet gibt, hat erkannt, dass es eine ihn individuell betreffende innere Welt gibt, die er der aeusseren Welt entgegenstellen kann. Eine innere Welt, die er, bei einiger UEbung, auch als seine eigentliche Welt anerkennen kann.

So fand der Mensch laut hier gezeigter Logik zu seiner Seele, zu einem Selbst- und Ich-Verstehen, zu Bewusstsein. Genau so, nur in Zeitraffer, finden auch unsere Kinder zu fruehem Bewusstsein. Und so aehnlich wie unsere Kinder heute sehr schnell, weil angeleitet lernen, so lernte es der fruehe Mensch langsam, weil aus eigener Kreativitaet, seinen inneren Welten mit Lauten und Symbolen eine wahrnehmbare Form zu geben, in der er sie mitteilen, kommunizieren konnte.

Womit aus dem isolierten Bewusstsein des Individuums ein allen Menschen gemeinsames Bewusstsein von Existenz entstand. Das von allen geteilte Gefuehl, beseelt zu sein.

Bald hatte es der Mensch auch gelernt, in seinen Wachtraeumen eine geistgeschaffene, bessere innere Welt zu sehen, die er dann aussen materiell nachbilden konnte, statt wie frueher als Tier warten zu muessen, dass sich die bessere Welt durch Zufall ergaebe. Der gewollte Fortschritt wurde moeglich, und die Evolution des Zufalls wurde durch eine gedanklich gesteuerte Evolution abgeloest, die rasanten Fortschritt mit sich brachte.

Wir Menschen sind somit Lebewesen, die neben den eher verdeckten Instinkten, ueber einen hochentwickelten Urverstand verfuegen und zusaetzlich ueber eine hochentwickelte Tagtraeumerei. Ein sehr praezise in den Inhalten steuerbares, daher in Begriffe fassbares, mitteilbares Denken.

Womit auch die alte Frage geklaert ist, wie der Mensch ueberhaupt gezielt denken kann, wenn sich doch schon 10 verschiedene Gedaechtnisinhalte zu 3,6 Millionen Gedanken fuegen lassen. Wie erzeugt er aus dieser Vielfalt ein sinnvolles Ergebnis, ohne alle denkbaren Ergebnisse kennen zu koennen?

Die Antwort: Wir erzeugen unsere Gedanken nicht aktiv, sondern diese kommen uns nach wie vor ueber das Gedaechtnis unmittelbar zu. Als moegliche, weil von den engen Praemissen des ueberlebenssichernden Urverstandes befreite, "kreative" Verknuepfungen der Gedaechtnisinhalte. Und aus dieser Vorauswahl, aus dem, was wir davon zulassen wollen oder koennen, aus diesem Angebot waehlen wir aus und greifen steuernd und lenkend ein.

Doch wie jeder Fortschritt, so bringt auch ein bewusst steuerbares Denken Nachteile mit sich. So koennen wir unsere Denkurteile gezielt gegen die des Urverstandes stellen, den "eigenen" Urteilen mehr glauben als der bewaehrten Logik des Lebens. Zwar macht genau dieser moegliche innere Widerspruch, dieses Aufbegehren, unser Bewusstsein aus, aber:

So entwickeln sich auch Neurosen. Als bewusst oder unbewusst denkerzeugte Fehlbeurteilungen von Welt und Selbst, die das Gedaechtnis praegen und denen der Betroffene schon bald nicht mehr zu entrinnen vermag, weil ein gepraegtes Gedaechtnis auch den autonomen Urverstand und damit das Alltagsverstehen eines Menschen praegt.

Womit der Neurotiker zum Gefangenen von Vorstellungen wird, um deren Unlogik er aber, anders als der Psychotiker, immerhin weiss. Was die Sache aber fuer ihn nicht besser macht, die Qual kann sogar groesser sein.

Das Denken kann auch Ursache der pathologischen AEngste sein. Und zwar dann, wenn staendig erneuerte Gedanken zu einem moeglichen Versagen von Koerper und Geist den autonomen Urverstand auf hoechste Empfindlichkeit "einstellen". Mit der Folge, dass zu jeder harmlosen Koerper- oder Weltwahrnehmung Gefuehle erlebt werden, wie sie ansonsten nur bei einer realen toedlichen Gefahr gespuert werden wuerden. Nun aber sinnlos, weil ohne eine objektiv wahrnehmbare Gefahr.

Korrigierbar aber dadurch, dass der Betroffene sein Denken wieder zuruecknimmt, seinem Koerper und dem Leben wieder zu vertrauen lernt. Ganz real oder auch in gefuehrten Traeumen, denn fuer das Gedaechtnis und damit fuer den Urverstand macht die Herkunft der neuen, korrigierenden Inhalte keinen Unterschied. Es unterscheidet nicht zwischen Traum und Realitaet, weil beide identische Voraussetzung haben – wahrnehmbare Inhalte, die durch eine Logik verbunden sind.

Ich - Wir sind drei!

Was noch fehlt, um das gefuehlte Selbst, das Ich des Menschen und dessen Herkunft vollstaendig, wenn auch nur im Denkansatz zu beschreiben, das ist das Triumvirat, aus dem sich dieses Ichgefuehl bildet.

Da haben wir zum einen die uralten, beim Menschen verdeckten Instinkte, die uns, wenn, dann mit starken Gefuehlen zu einem bestimmten Verhalten veranlassen wollen. Zu Handlungen, die sich bei unseren Ahnen bewaehrt haben.

Zum anderen haben wir den autonomen Urverstand des Menschen. Als eine gedaechtnisbasierte Groesse ist er gepraegt durch das wahrgenommene Vorleben durch die Eltern. Deren Verhalten in den verschiedensten Situationen ist es, welches uns in vergleichbaren Situationen die Welt und uns selbst auf eine bestimmte Art und Weise wahrnehmen laesst. Ein "automatisches" Verstehen, gegen das wir mit dem Denken zunaechst nur wenig ausrichten koennen. Und andere koennen das schon garnicht, jedenfalls nicht auf die Schnelle.

Und dann ist da noch die juengste Entwicklung im Zuge der Evolution - das Denken. Gepraegt vor allem durch elterlich-schulische Bildung, also durch die mitgeteilten Erfahrungen, die sie und andere mit ihrem Denken gemacht haben. Mit dem auf diese Weise weitergegebenen Denken, mit der erlernten Logik eines sinnvollen Denkens, koennen wir dann zunehmend die Welt, aber auch uns selbst durchschauen. Womit zunaechst einmal nur deutlich wird:

Der Mensch braucht zwei Formen der Erziehung. Die seines Urverstandes durch Vorleben, so wie im Tierreich auch. Und die seines Denkens, durch mitgeteilte Denkinhalte und Vermittlung der Logik, wie man derartige Inhalte zu sinnvollen, kreativen Konstrukten verbindet. Deutlich wird an dieser Stelle aber auch, und darauf kommt es hier an:

Der sich ueberschneidende Bereich aller drei Einfluesse, Instinkt, Urverstand und Denken, wovon zwei durch Erziehung gepraegt werden koennen, ist es, der das von uns gefuehlte Ich ausmacht, unsere Seele. In allen Facetten und in wechselnden Anteilen von Trieb, Verstand und gewollter Vorstellung, je nach Erziehung, Lebensumstaenden und Kultur. Trotzdem nehmen wir immer nur die Spitze eines Eisberges wahr, denn mit Ausnahme der Triebe beruhen sowohl Urverstand als auch Denken in ihrer Auspraegung auf der "Topographie" unseres Gedaechtnisses. Und die bleibt uns in der Regel verborgen. Zu Ausnahmen spaeter.

Soweit zu dem, was einen Menschen bei dieser Genealogie seines Geistes ausmacht.

Und wer nun glaubt, dieses Modell reduziere diesen Geist, sein Ich, auf ein Gehirn, welches das eben in Worten und Bildern Aufgezeigte durch neuronalen Stoffwechsel und sonstige Vorgaenge bewirke, der irrt zutiefst.

Richtig verstanden und mit dem entsprechenden Hintergrund besagt das vorgestellte Modell, dass wir ureigentlich geistig und damit abstrakt existieren, ohne Zeit und Raum, aber dass wir diese Existenz "derzeit" so wahrnehmen, als waere sie konkret materiell. Und zwar in genau dem Rahmen, in dem sich unsere und auch alle Existenz materiell wahrnehmen, in stofflichen Gehirnvorgaengen darstellen laesst.

Eine Einsicht, die von den Vordenkern der modernen Physik und den Nachdenkern der vergangenen Zeiten geteilt wird. Und sie besagt in einem Postulat: Unser Bewusstsein ist das eines ursaechlichen Geistes, der sich in seiner Schoepfung in Allem was ist und auf einem zufallsgepraegten Weg noch sein wird, neu, weil materiell begreifen lernt. Ein Pantheismus.

Ein Pantheismus, der sich weit ueber jeden personal gedachten Gott erheben kann, weil das, was wir aus unserem Leben machen und auch an anderem Leben bewirken, zum Schicksal der Ursache, Gottes, und damit auch zu unserem eigenen Schicksal machen. Dann, wenn wir nach dem koerperlichen Tod in die Einheit eines nicht nach Raum und Zeit teilbaren Geistes zurueckkehren. Dann, wenn wir erleben, was die Welt Gott und damit auch uns als Teil Gottes an neuen Erfahrungen gebracht hat. Wenn also aus all den Einzelerfahrungen der Leben in Zeit und eine zeitlose, aus unserer Sicht „ewige“ Gesamterfahrung wird.

 Bis wir uns neue, ganze andere Welten erfinden, in denen sich unser Geist zu einer Gesamterfahrung des Seins entwickeln kann. Mit dem Tode ist es also noch nicht vorbei. Eher schon faengt es gerade erst an, denn die Zahl der moeglichen Existenz, in denen sich Geist in anderen Umstaenden erleben kann und wird, ist weit groesser, als alle Buecher die bisher von den Menschen geschrieben worden sind. Die Zahl ist unendlich gross. Das meint der Begriff „ewige Existenz“.

Hypnose - Das unverstandene Scheinbewusstsein.

Schoene Worte waren das zum Schluss. Klar sollte aber auch sein, dass man die Dinge nicht so einfach, so scharf begrenzt und so auf das Wesentlichste reduziert sehen darf, wie es in einem solchen Aufsatz zur Herkunft und kurz auch zum Sinn des geistigen Menschen geschehen muss. Das waere die falsche Lehre - und sie fuehrte ins Leere. Doch klar ist auch:

Das Spiel der Moderne, die Unkenntnis und Missverstehen zum Menschen und zu dem, was ihn ausmacht, hinter semantischen Haeufungen von gelehrt erscheinenden Worthuelsen zu verstecken beliebt, fuehrt in die Leere. Genauso wie der heute bereits unueberhoerbare Ruf der Esoterik, die alles und jedes mit fluechtigem Geist und energetischer Stroemung erklaeren will, begruendet mit Schwingungen.

Sinnvoller erscheint mir, eine Genealogie zu sehen, in der der Geist, das Bewusstsein des Menschen, nicht als unerklaerbarer "Ausreisser" der Materie oder goettlicher Odem erscheint, sondern als Folge einer nachvollziehbaren Entwicklung des Lebens - vom Instinkt bis zur heutigen Auspraegung beim Menschen - logisch erklaert wird. Doch da nun solch ein Versuch, ohne Nachweis seiner Berechtigung nichts wert ist, nicht einmal das Papier, auf dem er steht, hier der bereits im Vorwort angekuendigte Nachweis.

Ein Nachweis, der sich auf die Erfahrung stuetzt, dass das Allgemeine in der Regel dann richtig erklaert wurde, wenn dieses Allgemeine auch das Besondere erklaeren kann, ohne zu Hilfskonstruktionen greifen zu muessen, ohne auf Neuigkeiten angewiesen zu sein.

Hier nun soll es der erklaerte Zustand des alltaeglichen Bewusstseins ermoeglichen, den besonderen Zustand der Hypnose in seiner Ursache und Wirkung erstmals allein mit der Logik zu erklaeren. Befreit von allen Mythen und Mysterien. Deshalb zunaechst zu den Phaenomenen, die sich mit oder unter Hypnose laut Erfahrung erzielen lassen:

Der Hypnotisierte verfuegt ueber ein Erinnerungsvermoegen bis in die Kindheit hinein. Unter Anleitung kann er sich sogar an Dinge erinnern, die ihm damals, als er sie eher beilaeufig wahrnahm, nicht bewusst geworden sind. Auch ist er zu sehr belastenden Koerperstellungen faehig, die seine uebliche Leistungsfaehigkeit weit ueberschreiten. Selbst Schmerz muss der Hypnotisierte nicht fuehlen, und eine intensive Zahnbehandlung wird ohne oertliche Betaeubung gut durchgestanden. Es ist, als seien in Hypnose die Alltags-Grenzen von Gedaechtnis, Kraft und Wahrnehmung verschoben.

Einem Hypnotisierten kann in einer Show erklaert werden, er sei ein Hund und der so Erklaerte fuehlt sich als Hund, verhaelt sich wie ein Hund. Er schluepft je nach Anweisung in die verschiedensten Rollen, windet sich wie eine Schlange, doziert wie Einstein, im festen Glauben, er sei Einstein. Es ist, als habe man ihm seinen Verstand genommen und diesen durch den Rapport des Hypnotiseurs ersetzt. Auch Anweisungen, die ueber die Zeit der Hypnose hinweg Gueltigkeit haben sollen, werden wirksam. Bestimmte Wachwahrnehmungen koennen dann bestimmte Gefuehle hervorrufen und es ist dann so, als haette man dem Betreffenden unter Hypnose eine Art Instinkt angelegt, von dem er zwar nichts weiss, dem er aber bei Eintritt des Schluesselreizes folgen will.

Auch das Wahrnehmungsspektrum kann durch Hypnose in den Alltag hinein erheblich veraendert werden. So kann man einem Hypnotisierten erklaeren, dass er einen Mann in dunkler Kleidung und mit Hoernern am Kopf im Raum vorfinden werde, dieser weise aber leider keine Tueren auf. Nach Ruecknahme der Hypnose wird der Betreffende im Hypnotiseur den Teufel erkennen, Angst haben, fliehen wollen, die Tuer aber nicht finden, obwohl sie doch fuer jeden anderen sichtbar vorhanden ist. Es ist dann so, als haette man dem Hypnotisierten sein wahrnehmendes Weltverstehen genommen.

Und das oeffentliche Erschrecken darueber, wie leicht sich der Mensch in Wahrnehmen, Denken und Fuehlen unter Hypnose beeinflussen laesst, ist gross. Und deshalb tritt die serioese Hypnose-Therapie gegen Bedenken an, deren Foerderer sie letztlich selbst ist, eben weil auch sie nicht dezidiert erklaeren kann oder will, was da genau vor sich geht. Denn der Begriff Trance, der so gerne gebraucht wird, ist nicht selbsterklaerend. Der Begriff Trance erklaert den Zustand Hypnose so wenig wie der Begriff Nebel eine Wolke. Hier nun der Versuch, die Hypnose auf der Grundlage des bisher Gesagten zu erklaeren:

Werfen wir dazu einen Blick auf die typische Hypnoseeinleitung, bei der Therapeuten auf Patienten treffen, die ihnen vertrauen.

Zunaechst soll der Patient sich nur auf die Fingerspitze des Therapeuten konzentrieren und auf dessen Stimme. Sodann sagt der Therapeut dem Patienten "Erscheinungen und Gefuehle" voraus, die dieser so nicht erwartet. Dass die Augen beginnen zu brennen, dass das Bild verschwimmt, dass die Augen muede werden, die Lider schwer wie Blei, dass sich die Augen schliessen wollen und schliesslich auch schliessen duerfen.

Diese Erscheinungen und Gefuehle sind zwar eine natuerliche Folge der starren Fixation, aber sie kommen im Alltagsleben nicht vor. Es gibt dazu keine Erfahrungen und daher keine urverstandlich erstellten Bedeutungen, die von dem Patienten wahrgenommen wird. Dafuer aber ist der Rapport des Therapeuten wahrnehmbar, der all diese Gefuehle und Erscheinungen klar voraussagen kann. Besser, als der autonome Urverstand, den der Patient zwar begrifflich nicht kennt, dessen staendig wahrgenommenen Urteilen er aber im Leben unbewusst staendig vertraut.

Der Zweck des eben beispielhaft geschilderten Vorgehens liegt auf der Hand:

Der autonome Urverstand des Patienten soll durch ein Erleben, das im Alltag so nicht vorkommt, in einer Weise getaeuscht werden, die es dem Therapeuten moeglich macht, scheinbar treffsicherer zu sein als dieser Urverstand.

Das fuehrt zunaechst dazu, dass die wahrnehmungsbegleitenden Schluesse des Urverstandes weniger Beachtung durch den Patienten erfahren. Er konzentriert sich auf den Rapport. Durch weitere Suggestionen ist es dann moeglich, dass der Patient die Wahrnehmung seines Urverstandes sukzessive und freiwillig "aufgibt", waehrend der Therapeut vorsichtig und stufenweise die Rolle des zurueckgedraengten Urverstandes uebernimmt.

Therapeut und Patient bringen so, ohne dass es der Patient will oder bemerkt, dessen Urverstand ‚zum Schweigen' und es kommt dann zu einer Bewusstseinslage aehnlich der beim Schlaf. Der Patient schlaeft aber nicht, sondern sein Denken ist hellwach, nur der Urverstand schweigt. Und wenn man so will, ist der Hypnotisierte nun der aelteren Haelfte seines Geistes, des Urverstandes, ‚beraubt', ohne es zu bemerken.

Der Patient glaubt zwar, dass er ueber volles Bewusstsein verfuege, doch in Wahrheit erlebt er nur ein Scheinbewusstsein, denn der Gegenpol seines Denkens ist nicht mehr sein autonomer Urverstand, sondern der Rapport des Therapeuten.

Was aber das Ersetzen des Urverstandes durch einen anderen bedeutet, das zeigt ein Rueckblick auf die Rolle, die der Urverstand fuer den Menschen seit jeher spielt:

Der Urverstand ist die erste, von den eigenen Erfahrungen gepraegte Welt– und Selbstbeurteilungsquelle, die dem Menschen zukommt. Er ist keine Faehigkeit, sondern das Erleben von Gedaechtnisinhalten, die sich erfahrungsorientiert und raum-zeit-logisch kombiniert mit Wahrnehmungsinhalten als deren Bedeutung praesentieren. Mit diesem Urverstand lernen wir von Geburt an den Koerper und dessen Faehigkeit einzuschaetzen. Diesem Urverstand danken wir es auch, nur das zu erinnern, was von logikbestimmter Wichtigkeit ist, denn: Wuerden wir bei jeder Wahrnehmung jede Bedeutung erfahren, die die Wahrnehmung laut Gedaechtnis fuer uns haben koennte, so waeren wir zu keinem Verhalten mehr faehig.

Unter Hypnose fehlt nun diese urverstandliche Seite, und so ist es wenig erstaunlich, dass der Mensch dann zu belastenden Koerperstellungen faehig ist und etwa mit Fuessen und Kopf fast wie ein steifes Brett ueber zwei Stuehlen liegt. Diejenige Komponente des Ich, die den Menschen in seine erfahrungsgemaesse Physiologie zwingt, der Urverstand, schweigt zugunsten des Hypnotiseurs. Dessen Vorgaben steuern nun die Physis.

So erklaert ist es auch nicht erstaunlich, dass sich ein Mensch unter Hypnose als Hund fuehlen kann. Er glaubt, bei vollem Bewusstsein zu sein, besitzt seine Denkfaehigkeit, er kann sich aber gleichwohl nicht mit Zweifel betrachten, da sein Urverstand zugunsten des Rapports des Hypnotiseurs schweigt. Die einen Zweifel ermoeglichende innere Polaritaet von Urverstand und Denken fehlt dem Hypnotisierten. Und sagt ihm der Hypnotiseur, er sei ein Hund, muss der Mensch dies so kritiklos wie in einem Traum glauben, hinnehmen und sich entsprechend verhalten, ganz ohne Zweifel zu haben.

So erklaert ist es auch nicht erstaunlich, dass das Gedaechtnis des Hypnotisierten fast eidetische, die Vergangenheit bildgetreu reproduzierende Zuege hat. Denn schweigt der Urverstand, so besteht fuer die sinnvolle Beschraenkung der Wahrnehmung vorhandener Gedaechtnisgehalte kein Anlass mehr. Das Gedaechtnis kann nun in dem Umfange erlebt werden, wie es dem Therapeuten gelingt, Anknuepfungspunkte zur Vergangenheit zu finden, um sie als ein Konstrukt aus vorhandenen Bausteinen auferstehen zu lassen. Ein Konstrukt, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

So erklaert ist es auch nicht erstaunlich, dass Anweisungen, die unter Hypnose gegeben werden, noch lange Zeit spaeter Wirkung entfalten koennen, denn der Therapeut gibt hier zu bestimmten Objekten der Wahrnehmung eine neue Verknuepfungslogik vor. Ein Eingriff in seinen Geist, den der Hypnotisierte in seinem singulaeren, kritiklosen Erleben nicht bemerkt, der aber durchaus bestehen bleibt.

Folglich wird die Wahrnehmung eines entsprechenden Objektes im Wachzustand mit der unter Hypnose vorgegebenen Verknuepfung, zumeist einer Gefuehlsbesetzung, erlebt.

Fazit: Hypnose ist keine Unterhaltung mit dem Unbewussten, wie manche glauben, denn mit einer Art von Mathematik laesst sich schlecht plaudern. Auch nicht in Bildern. Hypnose ist nichts anderes als das Zulassen und das gezielt gesteuerte "Erzeugen" von Eindruecken, wie sie uns aehnlich auch im Schlaftraum erscheinen koennten. Traeume, die dann als Wahrnehmungen (wie die Wachwahrnehmungen auch) unser Gedaechtnis praegen und so ueber den Urverstand unsere waches Welt- und Selbstverstehen.

Von Bedeutung ist das vor allem, weil der Hypnotisierte im Traum ueber ein eidetisches Gedaechtnis verfuegt, mit dem er Zugang zu emotional schwerwiegenden Erlebnissen haben kann, die er sozusagen noch einmal durchlebt. Nun aber mit der Erfahrung seines bisherigen Lebens und unter Anleitung eines kundigen Therapeuten.

Das wiedererlebte Ereignis kann so in Hypnose neu bewertet werden, kann zu anderen Schluessen fuehren, und oft genuegt schon eine einzige Sitzung, um dem Patienten nach der Hypnose ein neues Lebensgefuehl geben zu koennen. Nicht weil der das so will, sondern weil ihn sein gedaechtnisbasierter Urverstand die Welt und sich selbst anders, anders bedeutet wahrnehmen laesst. Sinnvoller und sanfter kann eine Heilung des Geistes beim Menschen nicht erfolgen.

Hypnose ist also ein geleitetes Traeumen. Ein geleitetes, durch den schweigenden Urverstand kritikfrei gestelltes, bildhaftes Denken. Ein Lernen aus kontrollierten Traeumen, aus einem kontrollierten, angeleiteten Denken. Manchmal auch eine nachgeholte Erziehung, wenn man so will. Und Bildern kommt dabei in der Hypnose eine besondere Rolle zu, denn da Gedaechtnisinhalte notwendig abstrakter Natur sind muessen sie zur Wahrnehmung immer in wahrnehmbare "Formen" ueberfuehrt werden, um als Gedachtes neu erfahren zu werden, um damit arbeiten zu koennen. Und, das ist besonders wichtig:

So betrachtet, verliert die Hypnose ihren mystischen Charakter und sie erklaert sich in Ursache und Wirkung vollstaendig allein aus der hier aufgezeigten, eindeutigen Struktur unseres Geistes.

Quod erat faciendum.


NACHTRAG 2025

Poeppel, die Eleaten und die diskrete Existenz

Ein Rueckblick mit zwanzig Jahren Abstand

copyright 2025 Dieter M. Schulz-Hoos, Muenchen

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit ich diesen Text ueber Bewusstsein und Hypnose verfasste. Damals stand Ernst Poeppels 3-Sekunden-Regel noch am Rande meiner UEberlegungen – eine empirische Kuriositaet, die gut ins Bild passte, aber deren tiefere Bedeutung ich noch nicht erfasst hatte.

Heute, nach intensiver Auseinandersetzung mit der eleatischen Philosophie und den Grundlagen der Physik, erkenne ich: Poeppels Forschung zur zeitlichen Taktung des Bewusstseins liefert nichts Geringeres als empirische Belege fuer eine radikale metaphysische These, die bereits die vorsokratischen Eleaten ahnten und die ich in meinem physikalischen Modell weiterentwickelt habe:

Das Universum – und mit ihm unser Bewusstsein – existiert nicht kontinuierlich, sondern diskret.

I. Von Poeppels Zeitfenstern zur diskreten Existenz

Poeppel zeigte, dass unser Bewusstsein nicht kontinuierlich "fliesst", wie wir es subjektiv erleben, sondern in diskreten Zeitfenstern organisiert ist:

30 Millisekunden: Die minimale Zeitaufloesung fuer Gleichzeitigkeit – das kleinste wahrnehmbare "Jetzt"

3 Sekunden: Das subjektive Gegenwartsfenster – die maximale Spanne unmittelbarer Praesenz

Zwischen diesen Takten liegt etwas, das ich damals "Urverstand" nannte: eine unbewusste, blitzschnelle Integration von Wahrnehmung und Gedaechtnis, die uns handlungsfaehig macht, bevor das bewusste Denken ueberhaupt einsetzt.

Heute verstehe ich diesen Urverstand neu: Er ist die neuronale Maschinerie, die diskrete Existenzmomente zu einer scheinbar kontinuierlichen Erfahrung verschweisst. Nicht durch bewusstes Nachdenken, sondern durch autonome zeitliche Integration.

Und hier schliesst sich der Kreis zu den Eleaten.

II. Parmenides Paradox und die moderne Physik

Die Eleaten – Parmenides, Zenon und ihre Nachfolger – lehrten vor 2500 Jahren eine auf den ersten Blick absurde These: Bewegung und Veraenderung sind Illusionen. Was existiert, existiert absolut, zeitlos, unveraenderlich. Die wahrgenommene Welt des Werdens ist Taeuschung der Sinne.

Lange galt diese Lehre als ueberwundener philosophischer Irrweg. Doch die moderne Physik hat die Eleaten rehabilitiert – auf verblueffende Weise:

1. Die Relativitaetstheorie zeigt: Es gibt keine absolute Zeit, kein universelles "Jetzt". Was "gleichzeitig" ist, haengt vom Beobachter ab. Zeit ist keine fundamentale Groesse, sondern eine Perspektive.

2. Die Quantenmechanik enthuellt: Auf fundamentaler Ebene ist die Welt nicht deterministisch-kontinuierlich, sondern diskret und probabilistisch. Planck-Laenge und Planck-Zeit (ca. 10^-43 Sekunden) koennten die kleinsten sinnvollen Raumzeit-Einheiten sein – diskrete "Pixel" der Realitaet.

3. Die Schleifenquantengravitation vermutet: Raumzeit selbst ist nicht kontinuierlich, sondern ein Netzwerk diskreter Ereignisse. Carlo Rovelli spricht von einer "relationalen" Physik: Nicht Dinge existieren in der Zeit, sondern Ereignisse konstituieren Zeit durch ihre Beziehungen.

Das eleatische Paradox loest sich so auf: Die Welt ist tatsaechlich nicht kontinuierlich. Sie "existiert" in diskreten Takten – und was wir als Bewegung und Veraenderung wahrnehmen, ist das Nacheinander dieser diskreten Zustaende. Genau wie ein Film aus einzelnen Standbildern besteht, die erst durch die Traegheit unserer Wahrnehmung zu "Bewegung" verschmelzen.

III. Der Urverstand als Integrator diskreter Existenz

Und hier wird Poeppels Forschung zur Bruecke zwischen Physik und Bewusstsein:

Wenn das Universum tatsaechlich in diskreten Takten existiert – sagen wir: auf der Planck-Skala von 10^-43 Sekunden –, dann ist unser Bewusstsein mit seinen 30-Millisekunden-Fenstern und 3-Sekunden-Integrationen nur ein grobes Echo dieser fundamentalen Diskretheit.

Das, was ich damals "Urverstand" nannte, waere dann die neuronale Antwort auf ein kosmisches Problem: Wie baut man aus diskreten Existenzmomenten eine handlungsfaehige Kontinuitaet der „Lebewesen" auf?

Die Antwort: Durch zeitliche Integration und Gedaechtnis.

Die 30-Millisekunden-Fenster binden einzelne neuronale Ereignisse zu einer "Wahrnehmung"

Die 3-Sekunden-Integration bindet Wahrnehmungen zu einer "Gegenwart"

Das Gedaechtnis bindet Gegenwarten zu einer "Biographie"

Das Ich entsteht als Muster ueber diese diskreten Momente hinweg

Das Ich ist somit keine Substanz, sondern eine Struktur. Es existiert nicht kontinuierlich, sondern wird in jedem Moment neu erzeugt – und durch Gedaechtnis zur Illusion einer kontinuierlich lebenden und denkenden Person verknuepft.