Das Werden des Ich
- Neuveroeffentlichung eines Aufsatzes von 2006 -
Copyright 2007 Dieter M. Schulz-Hoos, Muenchen
Einfuehrung - Worum geht's.
Die Meinungen des Menschen zu dem, was seinen
Verstand, sein
Bewusstsein und sein Ich ausmachen, sind so vielfaeltig und teils
„schillernd", dass es eine Lebensaufgabe sein koennte, all diese
Ansichten
einmal nebeneinander, als Synopse der groessten Widersprueche im Denken
des
Menschen, aufzulisten.
Dieser Aufsatz hier will mehr. Er will deutlich
machen, dass
das Bewusstsein des Menschen kein Mysterium, sondern eine eindeutig
herleitbare
Groesse ist, wenn man sich nur die Muehe macht, zunaechst unser
Verhalten im
Alltag etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Dann zeigt sich, dass wir in unserem Verhalten von
Entscheidungen gelenkt werden, die nicht einmal zu einem Prozent
unserem
bewussten Denken entstammen. Vielmehr folgen wir zu 99 Prozent den
Vorgaben
einer Instanz, die unsere Wahrnehmungs- und Gedaechtnisinhalte zu
Ergebnissen
kombiniert, die unmittelbar unser Verhalten steuern.
Ein autonomer Urverstand, der als
Weiterentwicklung der
Instinkte die hoeheren Tiere schon seit Jahrmillionen ihre Welt
verstehen laesst,
ohne dass sie dafuer denken muessten. Eine klar definierbare,
durchschaubare
Intelligenz, die wir aber bis heute uebersehen.
Und so, wie dieser Urverstand die leicht
herleitbare
Weiterentwicklung der Instinkte ist, so stellt Denken eine evolutionaer
gefundene Weiterentwicklung des Urverstandes dar. Die nicht steuerbare
"Programmintelligenz" Urverstand wurde durch eine steuerbare
Intelligenz ergaenzt - durch das erlernbare Tagtraeumen in Gefuehlen
und
Bildern, spaeter auch in Begriffen und Saetzen. Denken eben.
So betrachtet sind wir Menschen eine Art
evolutionaer
gefundene "Dreifaltigkeit": Wir verfuegen ueber die uralten, meist
verdeckten Instinkte; ueber die Urteile des autonom arbeitenden
Urverstandes
und wir verfuegen zusaetzlich ueber ein Denken, mit dem sich die
Verhaltensvorgaben der beiden aelteren Institutionen in Frage stellen
lassen.
Unser Ich ist bei dieser Herleitung menschlichen
Geistes
keine eigenstaendige Groesse mehr, sondern dieses Ich ergibt sich als
gefuehltes
Bewusstsein aus der Ueberschneidung von Instinkt, Urverstand und
Denken. Ein
Ich, das durch diese Polaritaet eine besondere Dynamik, Individualitaet
und
Einzigartigkeit erfaehrt.
Die Probe aufs Exempel zu dieser Herleitung des
menschlichen
Bewusstseins liefert am Ende des Aufsatzes die Hypnose. Jener
Sonderzustand des
Bewusstseins, in dem wir ueber aussergewoehnliche koerperliche und
geistige Faehigkeiten
verfuegen, in dem wir sehr kritiklos glauben, alles zu sein, was man
uns
suggeriert und in dem sich, gut dokumentiert, der empfindliche Geist
des
Menschen besonders schonend heilen laesst. Und lassen sich nun diese
Phaenomene
in Ursache und Wirkung mit der Struktur, mit der hier aufgezeigten
Genealogie
des menschlichen Geistes widerspruchsfrei erklaeren, so mag dies als
Indiz fuer
die Richtigkeit und Wichtigkeit dieses Aufsatzes gelten.
Doch das ist bereits das Ende. Den Anfang dieses
Aufsatzes
bildet, fast traditionell bei der Eroerterung von Bewusstsein und
Hypnose, ein
kleiner Selbstversuch:
Denken – „schnell" ueberschaetzt!
Schliessen Sie einmal fuer einen Moment die Augen,
drehen
sie sich zu einem Fenster und beobachten Sie nun im Augenoeffnen, wie
schnell
Sie das, was Sie gerade sehen, sprachlich benennen, wie schnell Sie
also die
wahrgenommene Welt mittels bewusster Kombination des Gesehenen zum
Ausdruck
bringen koennen. Das Ergebnis:
Unter 3 Sekunden wird ihnen die Benennung der Welt
mit
sprachlichem Denken nicht gelingen. Unter drei Sekunden ist Ihnen auch
keine
Kombination des Gesehenen zu einem bedeutsamen Eindruck moeglich.
Trotzdem
erkennen Sie auf den ersten Blick, dass das Auto, das da auf die
Kreuzung zufaehrt,
jetzt schnell bremsen muss. Ein in der Wahrnehmung enthaltenes Wissen,
das
Ihnen sofort mit dem Augenoeffnen und damit weit schneller zukommt, als
es
durch Nachdenken auch nur ansatzweise moeglich waere.
Passend dazu hat der Muenchner Gehirnforscher
Ernst Poeppel
herausgefunden, dass es zwar nur 0,03 Sekunden dauert, bis die beim
Sehen im
Gehirn eintreffenden Informationen zu einem Gegenwartseindruck
verarbeitet
sind, dass es aber die 100fache Zeit braucht, rund 3 Sekunden, bis sich
der
Mensch mittels seines Denkens in diese Gegenwart eingeordnet hat.
Weshalb Aktivitaeten, die der Mensch aus Anlass
des
bewussten Denkens erledigt, vom Trinken eines guten Schlucks Wein bis
zum
Vorsprechen von Versen, laut Poeppel in einem fuer Menschen typischen
Drei-Sekunden-Rhythmus geschehen.
Selbstversuch und Hirnforschung zeigen somit, dass
der
Mensch sein Denken in puncto Schnelligkeit zumeist weit ueberschaetzt.
Zwar
glauben wir alle, dass wir unser Verhalten mit dem Denken veranlassen,
doch fuer
die meisten Wechselfaelle des Lebens ist das Denken mit
Drei-Sekunden-Entschluessen
viel zu langsam.
Oft brauchen wir unser Denken fuer ein angepasst
richtiges
Verhalten auch garnicht. Beispiel:
Wir fahren mit dem Auto durch die belebte Stadt,
weil wir
den Anwalt treffen wollen, mit dem wir unser neues, von den Handwerkern
falsch
gebaute Haus vor Gericht zur Sprache bringen wollen. Wir sehen auch
schon die
zerknirschten Handwerker nach dem ungnaedigen Richterspruch vor uns,
wie sie
den Pfusch wieder herausreissen. Und dann, mitten im erlebten Erfolg
dieser
Wiedergutmachaktion, da "erwachen" wir aus unseren Zukunftsgedanken,
stehen mit dem Auto bereits vor dem Haus des Anwalts und muessen uns
nur noch
bewusst fuer einen von drei freien Parkplaetzen entscheiden.
Eine Autofahrt, die nicht von unserem Denken
gesteuert
wurde, denn das war ja bis zum Eintreffen beim Anwalt, im Haus, vor
Gericht und
noch sonst wo unterwegs. Wir sahen und fuehlten eine innere Realitaet,
einen
Tagtraum, waehrend "jemand anders" die aeussere Realitaet wahrnahm
und den Wagen sicher durch die belebte Stadt steuerte. Nur bei
mehrdeutigen
Situationen sind wir vielleicht einmal kurz mit unserem Denken im Auto
gewesen.
So wie ganz zum Schluss, bei der Wahl eines von drei freien und
gleichwertigen
Parkplaetzen, wo eine freie, von keiner Logik abhaengige Entscheidung
zu
treffen war.
Doch was - wenn schon nicht das Denken - hat uns
heil durch
den Verkehr gebracht? Wer dirigierte unseren Koerper genauso gut wie
das Denken
- nur weitaus schneller?
Automatismen - Schnell, aber blind!
Erklaeren koennten das "denkblinde Autofahren"
erworbene Automatismen. Erlernte und trainierte Verhaltensmuster, die
auf
bestimmte Wahrnehmungsinhalte hin ohne unser bewusstes Zutun ablaufen
und dann
schalten, lenken, bremsen.
Doch diese Meinung hat ein Problem, denn waeren es
tatsaechlich
Wahrnehmungsinhalte an sich, die diese Automatismen ausloesten, so
waere wohl
jeder in Gedanken versunkene und dabei autofahrende Mensch ein in
seinen
Automatismen voellig sinnlos zuckendes Buendel, denn fast jede
Sinneswahrnehmung weist immer gleich dutzende Inhalte auf, die einen
der
Automatismen ausloesen koennten. Wir bremsen aber beim Autofahren, ohne
nachzudenken nicht fuer jeden Fussgaenger oder Radfahrer, den wir
sehen,
sondern nur fuer diejenigen, die uns ansonsten in einer erwartbaren
Zukunft vor
dem Auto liegen wuerden.
Der denkblinde Fahrer reagiert also nicht auf
Wahrnehmungsinhalte an sich, vielmehr wird hier eine virtuelle, nur mit
der
Logik erwartbare, aber noch nicht wahrnehmbare Zukunft beruecksichtigt.
Eine
Zukunft, die aus der Gegenwart als Erkenntnis abgeleitet werden muss.
Und erst
diese Erkenntnis zur logisch erwartbaren Zukunft ist es dann, die den
schnellen, aber blinden Automatismen "die Augen oeffnet" und sie in
Aktion treten laesst. - Ein anderes Beispiel, bei dem auch unser Denken
mit von
der Partie ist:
Sehen wir einen Hammer, dann wissen wir bereits im
Moment
der Wahrnehmung und ohne nachzudenken, um was es sich dabei handelt:
Dass
dieses Ding schwer ist und dass es, wenn es runterfaellt, Schmerzen zur
Folge
hat, wenn es unsere Zehen trifft. Worauf etwas in uns blitzschnell den
Fuss
wegzieht, bevor wir drei Sekunden spaeter auch mit dem Denken zu dem
Schluss
kommen, dass es gut war, dass "wir" so schnell den Fuss weggezogen
haben. Und erstaunlich ist nun folgendes:
Obwohl wir in diesem Fall sehr gut nachvollziehen
koennten,
dass unser Denken der Fuss schonenden Aktion um Sekunden
hinterherhinkte, so
glauben wir dennoch, unser Denken haette die schmerzhafte Zukunft
vorausgesehen
und daher den Befehl zum Wegziehen gegeben. Eine glatte Fehlannahme,
doch es
kommt noch "schlimmer":
Betrachten Wissenschaftler unseren Alltag, so
faellt ihnen
auf, dass wir tatsaechlich unter einem Prozent unseres Verhaltens mit
dem
bewussten Denken steuern. Zwar mag unser Denken zuweilen der Anlass
sein, etwas
ganz Bestimmtes zu tun, etwa einen Kasten Bier zu kaufen, aber kaum ist
diese
bewusste Entscheidung zu einem Verhalten gefaellt, so ist das Denken
wieder in
seinen eigenen Welten unterwegs und ueberlaesst die weitere Ausfuehrung
des
Lebens einer Steuerung, die das auch ganz ohne das Denken kann.
Etwa indem uns diese Steuerung mit dem Auto sicher
zum Getraenkehaendler
faehrt, waehrend wir denkend den Grillabend vorbereiten, die
braun-gebratenen Wuerstchen
sehen, riechen und so den Grillabend schon einmal "vorweg geniessen."
Doch nicht nur, wenn es um ein taetiges Verhalten
geht, auch
wenn es darauf ankommt die Umwelt, ein Tier, eine Person, eine Rasse,
Gegenstaende,
Meinungen und letztlich alles nur denkbare alltagsschnell zu
beurteilen, so faellen
wir dieses Urteil nicht mit dem Denken, sondern ueberlassen es einer
Groesse in
uns, die das viel schneller kann als das Denken. Es ist dann, als
waeren wir
ein Bio-Roboter, der eine Seele im Kopf durch die Gegend traegt, die
zuweilen
auch einmal durch die Augen schaut, aber die meist mit sich selbst
beschaeftigt
ist.
Weltverstehen - Eine Frage des Prinzips!
Automatismen sind es also nicht, die unseren
Koerper in
seinem Verhalten steuern. Und das Denken ist es auch nicht, denn das
ist zu
langsam fuer eine schnell veraenderliche und daher gefaehrliche Welt.
Das
Denken ist eher eine Art Koenig, der in der Saenfte des Koerpers durch
die Welt
getragen wird und der, wenn nicht gerade eitel mit sich selbst
beschaeftigt,
gelegentlich Streitfaelle entscheidet oder Anweisungen gibt.
In uns muss demnach eine eigenstaendige, eine
autonome Art
von Intelligenz existieren, die zusaetzlich zu der bewusst erzeugbaren
Intelligenz des Denkens vorhanden ist. Eine Intelligenz, die sich mit
einem Koenig
des Denkens schmueckt, diesen fuer das schnoede Alltagsgeschaeft aber
nicht benoetigt.
Und die beste Antwort, was es mit solch einer autonomen Intelligenz auf
sich
haben und wie diese im Prinzip funktionieren koennte, haben
ausgerechnet die
Erforscher der KI, der "kuenstlichen" Intelligenz gefunden. Sie
erkannten, dass man auch ganz ohne Denken eine weltverstehende
Intelligenz
erzeugen kann. Durch das Gedaechtnis und dessen Arbeitsprinzip.
Ein derartiges Gedaechtnis speichert konkrete
Wahrnehmungen
nicht als "Filmchen aus der Welt" ab, sondern es werden zunaechst nur
die abstrakten Inhalte der aktuellen Wahrnehmung ermittelt und
zusaetzlich auch
noch die Logik, die diese Inhalte miteinander verbindet. Nur diese
abstrakten
Inhalte und die dazugehoerige Logik werden dann gespeichert. Beispiel:
Die
Wahrnehmung eines beliebigen Rades kann man auf die Form eines
Kreisbogens mit
einem Mittelpunkt reduzieren. Das sind die abstrakten Inhalte der
Wahrnehmung.
Und eine die Inhalte verbindende Logik lautet, dass sich der Kreisbogen
um
seinen Mittelpunkt drehen kann.
Und sind nun diese abstrakten Wahrnehmungsinhalte
samt zugehoeriger
Logik im Gedaechtnis abgespeichert, dann ist es dem Traeger dieses
Gedaechtnisses
in Zukunft moeglich, jedes Rad dieser Welt als Rad zu erkennen. Ein
Riesenrad
so gut wie ein Zahnrad oder ein Karussell. Vereinfacht und als Prozess
ausgedrueckt
geht das wie folgt vor sich:
Zunaechst wird die aktuelle Wahrnehmung auf ihre
abstrakten
Inhalte reduziert. Diese koennen dann aufgrund der Abstraktheit wie
Symbole
besonders schnell und treffsicher den vorhandenen, ebenfalls abstrakten
Gedaechtnisinhalten
zugeordnet werden. Und zusaetzlich wird die Kombination aus
wahrgenommenen und
gedaechtnishaften Inhalten noch um jene Logik ergaenzt, die dazu im
Gedaechtnis
vorliegt.
Auf diese Weise erhaelt jede aktuelle Wahrnehmung
in
Sekundenbruchteilen eine Art Randbeschreibung, die ihr eine von Logik
und
Erfahrung gepraegte Bedeutung gibt, auf die der Koerper blitzschnell
reagiert.
Denken ist dazu nicht erforderlich.
Intelligenz - Ihr Wesen ist die Abstraktion!
Wenn also die Frage lautet, was uns die Welt
sofort mit dem
Augenoeffnen verstehen laesst und wer oder was unser Verhalten im Auto
steuert,
waehrend wir an huebsche Maedchen denken, dann heisst die moegliche
Antwort
jetzt:
Dahinter steckt ein Gedaechtnisprinzip! Ein
Prinzip, bei dem
Wahrnehmungen zunaechst auf ihre abstrakten Inhalte reduziert, dann mit
ebenfalls abstrakten Gedaechtnisinhalten kombiniert und zusaetzlich
noch um die
Logik ergaenzt werden, die zu diesen Inhalten im Gedaechtnis
gespeichert ist.
So erhaelt jede Wahrnehmung fuer jedes Lebewesen
ohne zu
denken eine Bedeutung, die sich nach dem Inhalt seines ererbten
und/oder
erworbenen Gedaechtnisses richtet. Tiere koennen sich daher - abseits
der
Instinkte - sehr klug verhalten. Ihr Gedaechtnis und dessen
Arbeitsprinzip
macht sie klug, ohne dass sie dazu bewusst irgendetwas beitragen
muessten oder
koennten. Das zeigt auch das folgende Beispiel:
Eine junge Katze trifft auf einen Hund und wird
von ihm
gebissen. Diese Katze wird in Zukunft jeden Hund als Feind erkennen,
obwohl
alle diese Hunde immer voellig anders aussehen werden. Die Identitaet
der
abstrakten Merkmale in Wahrnehmung und Gedaechtnis kompensiert die
Ungleichheit
in der konkreten Erscheinung. Die Katze lernt so aus einem einzigen
Zwischenfall fuer unzaehlige inhaltlich-logisch aehnliche. Oder anders
betrachtet: Das Lernen schreitet mit solch einem Gedaechtnis
millionenfach
schneller voran, als es mit einem konkret erinnernden Gedaechtnis
moeglich waere.
Gleichartiges muss aufgrund der Abstraktion auch
nur ein
einziges Mal abgespeichert werden, um danach fuer unzaehlige
Wahrnehmungen als
inhaltlich-logische Ergaenzung zur Verfuegung zu stehen. Das spart
Speicherplatz, Hirnkapazitaet, denn so, wie man mit wenigen abstrakten
Ziffern
die Welt fuer unendlich viele konkrete Faelle voraussagen, berechnen
kann, so koennen
mit abstrakten Gedaechtnisinhalten unendlich viele konkrete
Wahrnehmungen um
eine logisch erwartbare Zukunft ergaenzt werden. Nicht bewusst, sondern
als
Folge einer logischen Verknuepfung der abstrakten Inhalte. - Mehr noch:
Ist ein Gedaechtnis abstrakt angelegt, so duerfen
Wahrnehmungen auch ohne Probleme unvollstaendig sein, denn aufgrund der
Abstraktion koennen Teilwahrnehmungen inhaltlich-logisch sehr
treffsicher zur
Vollstaendigkeit ergaenzt werden. Auch eine so rudimentaere Wahrnehmung
wie das
hier: :-) Und tatsaechlich macht denn auch der Input seitens der
Sinnesorgane
immer nur einen Bruchteil dessen aus, was im Gehirn eines Tieres oder
Menschen
an ergaenzender, wahrgenommener Gesamtaktivitaet entsteht.
Kurz: Es gibt eine vom Menschen kaum beachtete
prinzipielle
Art von Intelligenz, die auf einem Arbeitsprinzip des Gedaechtnisses
beruht und
die einen eigenen, einen neuen Namen verdient: Der autonome Urverstand!
Urverstand, weil diese Intelligenz seit Urzeiten alle wahrnehmenden
Lebewesen
ihre Welt ganz ohne Denken verstehen laesst. Und autonom, weil man es
mit einer
Intelligenz zu tun hat, die als Verknuepfungsprinzip so wenig unter der
Kontrolle der Lebewesen steht wie die Ergebnisse der Mengenlehre -
einer Verknuepfungslogik,
die fuer unser Universum gueltig ist.
Verhalten - Auf der Spur der Gefuehle!
Unbewusste, blitzschnell zu Ergebnissen gelangende
Intelligenz ist also erklaerbar. Hier mit einfachen Worten,
wissenschaftlich
mit Mathematik. Und mit der Aussage, dass der Hintergrund der
wahrgenommenen
Welt spaetestens seit dem Nobelpreisphysiker Werner Heisenberg als
abstrakt
angesehen werden muss. Womit jedem Lebewesen aus Prinzip die abstrakten
Inhalte
der Welt als Wahrnehmungs- und Gedaechtnisinhalt zur Verfuegung stehen.
Eine
Ergaenzung aus der Physik, ohne die es unsinnig waere, eine autonome,
auf der
Verknuepfung abstrakter Inhalte beruhende Intelligenz anzunehmen.
Bleibt aber natuerlich die naheliegende Frage, wie
sich
dieser autonome Urverstand bei den Lebewesen von damals bis heute, von
der
Urzeit bis zum Menschen, bemerkbar machen soll. Und um das zu
verstehen, bietet
es sich an, zunaechst einmal die aelteste Verhaltenssteuerung des
Menschen naeher
zu betrachten - die sogenannten Instinkte.
Instinkte sind ererbte Verhaltensmuster, die zu
bestimmten
Wahrnehmungen aehnlich wie Automatismen stur ablaufen. In der Regel
handelt es
sich um bestimmte Verhaltensweisen bei Fortpflanzung, Gefahr,
Brutpflege und
anderem. Das Instinktverhalten entspricht dabei dem Verhalten der
Ahnen.
Besser: Der Summe der Erfahrungen, die mit einem solchen Verhalten
gemacht
wurden.
Und weil es sich um eine Summe handelt, aendert
sich das
Instinktverhalten erst dann, wenn ueberaus viele Einzelschicksale die
Untauglichkeit eines Verhaltens durch Dezimierung der Population
erwiesen
haben. Wenn zufaellige Mutationen im Verhalten bessere
UEberlebenschancen
haben, sich durchsetzen koennen.
Auch der Mensch hat solche Instinkte, trotz seines
hochentwickelten Urverstandes und trotz eines bewusst steuerbaren
Denkens.
Hoeren wir etwa einen sehr lauten Dauerton, zu dem
der
Urverstand blitzschnell keine gedaechtnislogische Bedeutung erstellen
und das
Denken keine moegliche Bedeutung finden kann, dann meldet sich als
Nothilfe der
uralte Fluchtinstinkt. Mit dem intensiven Gefuehl fliehen zu sollen.
Ein Gefuehl, das sich bei Nichtbefolgung und
bleibender
Dauertonwahrnehmung steigern kann, womit es in der Lage ist, beim
Menschen
Urverstand und Denken zu ueberwinden. Der Mensch flieht dann rein
instinktgesteuert - in gefuehlter Panik.
Aber auch unsere anderen Instinkte melden sich
ueber Gefuehle,
etwas Bestimmtes tun oder lassen zu sollen. So verspuert ein
Menschenmaennchen
bei Wahrnehmung eines huebschen, Gesundheit und Jugend anzeigenden Pos
eines
Menschenweibchens Lust auf Sex. Und der Geruch faulenden Fleisches
laesst Maennchen
wie Weibchen mit dem Gefuehl des Ekels instinktiv vor der Speise
zurueckweichen.
Alles keine Sache der UEberlegung, sondern des aufsteigenden Gefuehls
bei den
Instinkten.
Und da man nun zeigen kann, dass der autonome
Urverstand
nichts anderes ist, als die Fortfuehrung der Instinktsteuerung, nur
dass nicht
mehr eine Summe von Erfahrungen, sondern ein einziges individuelles
Erlebnis
das Verhalten in der Zukunft bestimmen kann, wird verstaendlich, dass
sich der
Urverstand beim Tier, und auch beim Menschen, heute noch genauso zu
Wort
meldet, wie sein Urahn - der Instinkt. Mit Gefuehlen, mit einem
gefuehlten
Wissen, das uns ganz ohne unser Zutun, sozusagen "instinktiv auf die
moderne Art", schneller reagieren laesst, als wir es mit dem Denken je
koennten.
Wir glauben zwar, die Gefuehle, die uns zu unseren
Welt- und
Selbstwahrnehmungen entstehen, entstammten unserer Seele, waeren
sozusagen der
"herzliche" Aeusserung zu dem, was uns an Welt- und Selbstsicht
widerfaehrt. Doch so ist es nicht.
Die Gefuehle, die wir aus unterschiedlichsten
Anlaessen
erleben, manchmal auch "hausgemacht" aus Anlass unseres Denkens und
Handelns, sind die aeltesten Zuegel, mit denen die Evolution die
Lebewesen in
ihrem Verhalten und heute beim Menschen bis in dessen Denken hinein
steuert.
Gefuehle sind also keine froh, traurig,
selbstbewusst oder
niedergeschlagen machenden AEusserungen einer unbekannten Seele,
sondern die
Folge davon, dass wir als Menschen die gleiche Geschichte wie alle
anderen
Lebewesen auch haben. Lebewesen, deren Verhalten schon immer einer
Steuerung
bedurfte und die schon immer ueber Gefuehle erreicht wurde.
Warum wir trotzdem glauben, in den Gefuehlen
unsere Seele
unser eigentliches Ich zu erkennen, das hat etwas damit zu tun, dass
unser Ich
sich aus der UEberschneidung von Instinkten, von Urverstand und von
Denken
bildet.
Doch dazu kommen wir spaeter. Jetzt steht erst
einmal die
Frage an, wie es aufgrund eines abstrakten Gedaechtnisses dazu kommen
kann,
dass wir im Laufe des Lebens alle eine unterschiedliche Persoenlichkeit
entwickeln. Und was Persoenlichkeit ist.
Gedaechtnis - Schwergewichte im Netz der Logik!
Will man bildlich verstehen, was es mit einem
abstrakten Gedaechtnis
auf sich hat, will man verstehen, welche Ursache jene Gefuehle haben,
die uns
der autonome Urverstand zu unseren Wahrnehmungen als deren Bedeutung
hinzugesellt, dann kann man gut auf ein einfaches „Modell aus der
modernen
Physik“ zurueckgreifen. - Einstein laesst gruessen.
Stellen Sie sich daher das Gedaechtnis jetzt
einmal als ein
frei in der Luft gespanntes, feines Fischernetz vor, das aus Faeden der
Logik
eng geknuepft sei. Lege ich nun auf dieses Netz emotional aeusserst
belastende
Inhalte, so bilden sich um diese Inhalte tiefe Trichter. Der Effekt:
Andere
Erlebnisse werden ueber die Faeden der Logik mit dem tiefen Trichter
verbunden,
erhalten ueber das verzerrte Netz die jeweilige Bedeutung des
schwerwiegenden
Erlebnisses durch logische Naehe uebertragen.
Dieses Bild zeigt auch sofort, was passieren muss,
wenn sehr
schwerwiegende Inhalte durch den ausgepraegten Trichter dafuer sorgen,
dass
immer mehr Inhalte aus unserem taeglichen Erleben, aus gewaehlten
Gedanken und
vor allem aus ungesteuerten Traeumen dort mithineingezogen werden.
Dieses Bild
ist selbsterklaerend. Bis zum Riss, bei dem die Gedaechtnislandschaft
wieder
verflacht, aber dafuer nun Luecken aufweist. Gedaechtnisluecken. Und
Bereiche
des Gedaechtnisses, in denen neue Erfahrungen verschwinden wie in einem
schwarzen Loch, als gaebe es keine Logik, die sie halten wolle.
Man sollte sich ein Gedaechtnis, bei dem es sich
um durch
Logik verbundene Inhalte handelt, also nicht statisch als
"Gedaechtnisschrank"
mit Schubladen vorstellen, die auf und zu gehen. Aber auch nicht als
eine
unverstaendliche Geistesmathematik.
Das Bild des Netzes zeigt diese komplexe
Mathematik in
geometrischer Darstellung! Und dann erkennt man ganz ohne Anstrengung
eine
"Gedaechtnislandschaft" mit Hoehen und Tiefen, entstanden durch
Erlebnisse, Gedanken und Traeume, die wie die Gewichte in einem Netz
wirken und
durch dessen Faeden der Logik verbunden sind.
Und stellt man sich nun noch vor, dass dieses Netz
durch die
staendig "einfallenden" leichten, aber auch schweren Erfahrungen auf
und nieder schwingt, so dass besonders "tiefen Einschlaegen" oft ein
kurzes Aufschwingen ins Positive folgt, so erhaelt man ein passendes
Bild zu
einem dynamischen Gedaechtnis, zu einem dynamischen Urverstand. Eine
bildliche
Erklaerung, warum Depressionen sehr oft eine Nachschwankung in die
Manie, in
den uebersteigerten "Frohsinn an sich selbst" haben.
Und noch etwas stellt dieses dynamische
Gedaechtnismodell
klar:
So veraenderlich wie das Gedaechtnis in seiner
"Landschaft" in ihren Hoehen und Tiefen ist, so dynamisch veraenderlich
sind auch die Gefuehle, die uns als urverstandliche, als gefuehlte und
oft
nicht gerufene Beigabe zu jeder Welt- und Selbstwahrnehmung erreichen.
Schon
ein einziger positiv oder negativ schwerwiegender Traum kann uns die
Welt und
uns selbst am naechsten Morgen in einem voellig neuen, anderen Licht
zeigen,
ohne dass wir uns dieses neue Lebensgefuehl erklaeren koennten.
Es scheint dann zwar, als stecke hinter diesen
unerklaerten
Gefuehlen eine launische und unberechenbare zweite Persoenlichkeit in
uns, doch
tatsaechlich begegnen wir hier den Wirkungen eines dynamischen
Gedaechtnisses,
das ueberwiegend durch Inhalte geformt wird, die wir nicht kennen. Was
zur
Folge hat, dass wir ueber den Urverstand (der mit dieser unbekannten
Gedaechtnislandschaft
angesprochen ist) zu einem Verhalten
veranlasst werden, dessen Sinn und Ziel wir nicht kennen. Wir glauben
das
lediglich – dann, wenn unser Denken in unserem Verhalten eine
zielgerichtete
Logik zu erkennen glaubt, die auch die seine sein koennte.
Urverstand - Wehe, wenn er im Wachzustand
schweigt!
In unserem ersten, blitzschnellen, weil autonomen
Welt- und
Selbstverstehen sind wir also die Gefuehlssklaven unseres
Gedaechtnisses. Und
wie sehr wir als Sklaven dieses dynamische Gedaechtnis brauchen, um uns
lebendig zu fuehlen, das zeigt sich, wenn im Laufe eines Lebens das
"Gedaechtnisnetz"
mit immer mehr Inhalten belastet wird:
Das Netz buesst dann an Schwingungsfaehigkeit ein,
und der aeltere
Mensch wird durch freudige oder traurige Erlebnisse nicht mehr in dem
Masse
erregt und im Lebensgefuehl beeinflusst, wie der junge. Er hat einen
gewissen „status
emotionalis“. Und da sich die Landschaft im Laufe der Zeit fest um die
einzelnen "Trichter" gefuegt hat, ist auch das Weltverstehen des
aelteren
Menschen zumeist sehr fest gefuegt - und invariabel.
Leichter verstaendlich, wenn man sich an dieser
Stelle daran
erinnert, dass unser Weltverstehen zu ueber 99% nicht etwa mit dem
bewussten
Denken, sondern blitzschnell und autonom erzeugt wird. Es kommt uns als
das
Ergebnis von gedaechtnisbezogenen Ergaenzungen mit unseren Selbst- und
Weltwahrnehmung zu.
Wie sehr wir diese Art von Gedaechtnis und den
sich aus ihm
erklaerenden autonomen Urverstand brauchen, das wird auch erkennbar,
wenn
jemand diesen Urverstand nicht mehr deutlich wahrnimmt. Dann erhaelt
man einen
Menschen, der die Welt und sich selbst nicht mehr "automatisch", in
der Wahrnehmung versteht, der daher furchtbare AEngste erleidet und
sich gruebelnd
langsam, oft schon katatonisch, zu allen Sinnes- und
Selbstwahrnehmungen eine moegliche
Bedeutung (aus)denken, (er)finden muss. Der Betroffene lebt in einer
fuer
andere unverstaendlichen, weil "privat bedeuteten" Welt.
Und wenn er behauptet, man habe ihm alle Organe
vergoldet
oder bestrahle ihn mit boesen Wellen aus der Nachbarschaft oder auch
aus dem
All, dann ist das eine von ihm erdachte Deutung seiner
Selbstwahrnehmungen, an
die er glauben muss, denn er hat nichts anderes mehr, an das er glauben
koennte.
Die bisher voellig "geraeuschlos" und unbemerkt
arbeitende Intelligenz, sein Urverstand, der ihm seine Wahrnehmungen
erst verstaendlich
machte, schweigt, und er nimmt nur noch sein eigenes Denken wahr. Und
das in
der "Stille des Urverstandes" so laut, dass er meint, er hoere
fremdes Denken oder sein Denken koenne von Fremden gehoert oder
gesteuert
werden, er habe sozusagen keine Grenzen mehr.
Eine Psychose, entstanden durch den zeitweiligen,
oft auch
schwankenden Verlust des gewohnten Urverstandes in der Wahrnehmung. Der
Verlust
der autonomen Intelligenz "zugunsten" eines Denkens, das sich mit
Aufgaben konfrontiert sieht, die es nicht erfuellen kann, denn die
Bedeutungen
der Dinge haften diesen ja nicht an wie Farbe, sondern diese
Bedeutungen
entstehen erst aufgrund eines Abgleichs von Gedaechtnis- und
Wahrnehmungsinhalten. Ein Prozess, viel zu komplex, um mit dem Denken
auch nur
ansatzweise bewaeltigt werden zu koennen. - Im Vergleich:
Wollten wir das, was uns auf dem Monitor des
Computers ein
verstehbares Bild entstehen laesst, mit unserem Denken steuern, so
waeren wir
macht-, hilf- und letztlich auch ohne Bild. Und das, obwohl wir die
Prozesse
gut verstehen und sie sogar selbst erfunden, sozusagen selbst in die
Welt
gebracht haben.
AEhnlich ist es auch mit Gedaechtnis und
Urverstand:
Obwohl wir durch die Auswahl bestimmter
Lebenssituationen
und auch Gedanken das Gedaechtnis gezielt praegen koennen, so koennen
wir nicht
bewusst steuern, wie sich uns daraus ein gefuehltes Welt- und
Selbstbewusstsein
ergibt. Das bleibt autonom.
Und scheint es schon erstaunlich, dass es
tatsaechlich eine
Groesse namens Urverstand gibt, die von den Psychologen das Unbewusste
genannt
wird, und die uns in unserer Welt- und Selbstwahrnehmung deutlich
beeinflusst,
auf die wir aber keinen Zugriff haben, so ist noch eine Steigerung im
Erstaunen
moeglich:
Und zwar dann, wenn man sich mit der Logik die
Frage stellt,
was es wohl mit unserem Denken auf sich haben kann und muss. Also mit
jener
Errungenschaft, von der manche glauben wollen, sie sei unmittelbar auf
Gott zurueckzufuehren,
auf dessen uns "eingehauchten Geist". - Es gibt eine bessere, wenn
auch erstaunliche Antwort.
Traum - Bote von Denken und Bewusstsein!
Wie bereits angesprochen gibt es eine Linie der
Entwicklung,
die von den Instinkten als summarischem Gedaechtnis der Ahnen zum
individuellen
Gedaechtnis des einzelnen Lebewesens fuehrt. Der Instinkt, der die
Erfahrungen
der Ahnen beruecksichtigt, wurde durch den Urverstand ergaenzt, der
auch
individuelle Erfahrungen beruecksichtigt, wenn es darum geht, unser
Verhalten ueberlebenstauglich
zu steuern.
Und eben deshalb, weil es diese nachvollziehbare
Entwicklung
gibt, deshalb sollte sich das Denken des Menschen, diese neueste
Errungenschaft
der Evolution, aus einer Fortfuehrung dieser Entwicklungslinie ergeben.
Als UEberwindung
eines Nachteils. Also so, wie unser individuelles Gedaechtnis eine
UEberwindung
der grossen Nachteile eines summarischen, des vererbten Gedaechtnis'
ist. Wie
dieses keine Lernfaehigkeit im Leben kennt und zulaesst, sondern auf
die
gesammelten Erfahrungen der Vorgaenger zugreift.
Wenn wir also fuer den Urverstand feststellen,
dass er als
Verknuepfungslogik keinem unmittelbaren Zugriff durch das Wollen
unterliegt,
also nicht steuerbar ist, so waere es eine UEberwindung dieses
Nachteils, eine
mit Wollen steuerbare Intelligenz zu besitzen.
Und wie wir es von uns selbst wissen, erfuellt das
Denken
genau diese Aufgabe. Und noch andere mehr. Es kann Handlungen
einleiten, die
das Gefuehl des erfahrungsgemaess Vernuenftigen zugunsten einer eigenen
Vorstellung zurueckdraengen. Es kann somit ein Lebewesen aus der
Sklavenhaltung
der gedaechtnisorientierten Verstandestradition befreien.
Und obwohl es zunaechst kaum vorstellbar
erscheint, dass
ausgerechnet dieser moegliche Gegner des Urverstandes von diesem selbst
geboren
wurde, so ist unser Denken tatsaechlich der naechtlich gezeugte Sohn
des
Urverstandes. Das erklaert sich so:
Hoehere Lebewesen, die einen ausgepraegten
Urverstand haben,
zum Beispiel die Saeugetiere, aber auch andere, sind nicht staendig
wach,
sondern kennen unterwache oder Schlafzustaende in einem mehr oder
weniger
festen Rhythmus. In diesem Zustand liegen dann keine oder eher nur sehr
schwache Sinneswahrnehmungen vor, so dass viel Gehirnkapazitaet
bereitsteht, in
der sich das individuelle Gedaechtnis ohne den Anlass von
Sinneswahrnehmungen
abbilden kann. Also nicht als Ergaenzung, sondern aus sich heraus,
eigenstaendig
- als Traum.
Da nun aber Gedaechtnisinhalte grundsaetzlich
abstrakter
Natur sein muessen, also nur Inhalt und Logik aufweisen, keine konkret
wahrnehmbare Gestalt haben, koennen und muessen sie eine dem Inhalt und
der
Logik entsprechende Gestalt im Traum erst noch erhalten.
Die Mathematik des Geistes zieht sich sozusagen
die
passenden Kleider der Wahrnehmbarkeit ueber. Womit der unnahbare Vater
einem
Kind im Traum als glatter Fels erscheinen mag, dessen Hoehe es nicht
erreichen
kann, ohne abzurutschen und sich wehzutun.
Die Formlosigkeit abstrakter Gedaechtnisinhalte
hat also zur
Folge, dass diese im Traum ein beliebiges, aber doch logisch passendes
Kleidchen der Wahrnehmbarkeit erhalten. Der Traum als unmittelbarste
Wahrnehmung von Gedaechtnisinhalten bekommt so die Funktion eines
Vergleichs,
weil sich Unverstandenes in anderer Weise praesentieren und deshalb "im
Schlaf" doch noch verstanden werden kann.
Die freudsche Traumdeutung, hier erklaert aus dem
Umstand,
dass ein Gedaechtnis, das zum neuen Weltbild der Physik passen und das
Intelligenz im Sinne von Urverstand ermoeglichen muss, zwingend
abstrakte
Inhalte hat, deren Wahrnehmung im Traum eine Huelle verlangt, die der
damit
verbundenen Logik Rechnung traegt. In einer Tiefe des Erlebens, die den
Hoehen
und Tiefen der Gedaechtnislandschaft entspricht.
Und sollte die Landschaft tiefe Trichter
aufweisen, sollte
eine tief gefuehlte Depression vorliegen, kann es daher sinnvoll sein,
Traeume
der darstellenden Art, vorwiegend Morgentraeume, nicht zuzulassen durch
Schlafentzug. So wird zumindest vermieden, dass sich durch immer
gleiche, das
Gedaechtnis bildhaft darstellende Traumerlebnisse, selbstverstaerkende
Effekte
ergeben, mit denen die Tiefen noch tiefer werden.
Besser waere es jedoch ohne Frage, den Menschen in
dieser
Schlafentzugszeit mit Traeumen zu versehen, die von einem Therapeuten
aktiv
begleitet werden. Dazu jedoch erst gegen Ende dieses Aufsatzes, bei der
Definition von Hypnose mehr.
Interessant ist hier nur die Frage, was passieren
muss, wenn
ein beliebiges Lebewesen durch eine evolutionaer zunehmende
Hirnkapazitaet
(beim fruehen Menschen nimmt man eine Abnahme der Gebissmuskulatur als
moegliche
Ursache an) nicht nur des Nachttraums, sondern auch des Tagtraums
faehig wird.
Wenn sich ihm also zusaetzlich zur autonom vom Urverstand vorbedeuteten
aeusseren
Realitaet noch eine innere Realitaet auftut, die ihm im guenstigen Fall
die Aussenwelt
in traumhaft vergleichender Darstellung zeigt.
Ist das der Fall, so kann das Lebewesen seine
Aussenwelt
erstmals in Kritik nehmen, es kann der Aussenwelt die zusaetzlich
erlebte
Innenwelt entgegensetzen. Und zwar umso besser, je mehr es ihm gelingt,
seine
Tagtraeume zu provozieren, sie zu lenken und aus ihnen auszuwaehlen.
Also genau
das zu tun, was die Kinder der Menschen in den ersten Lebensjahren - in
gezeigter Zeitraffer-Evolution - auch heute noch tun - tagtraeumend
denken zu
lernen. Eine eigene, gewollte, steuerbare Intelligenz zu entwickeln.
Sic!
Denken ist bei dieser Herleitung also nichts
anderes als die
logische Folge davon, dass sich abstrakte Gedaechtnisinhalte, die
zunaechst nur
eine autonome Intelligenz namens Urverstand ermoeglichen, bei
zunehmender
Hirnkapazitaet nicht nur als vergleichende Nacht-, sondern auch als
Tagtraeume aeussern
koennen. Als erlernbar steuerbare innere Welten. Womit der Art, der das
in
ihren einzelnen Lebewesen widerfaehrt, ein erstes, ein fruehes
Bewusstsein
entsteht.
Bewusstsein, hier verstanden als die Moeglichkeit,
der
vorgegebenen und urverstandlich vorbewerteten Welt des AEusseren eine
innere
Welt des selbst gesteuerten Gedachten entgegensetzen zu koennen. Als
gewolltes
und gefuehltes Selbst, als Individuum.
Und sogar die Art und Weise, wie ein solches,
fruehes
Bewusstsein als Gefuehl entsteht, koennen wir heute noch gut in einer
Art
Zeitraffer nachvollziehen, wenn wir einmal aus einem tiefen Traum
langsam
erwachen. Vor allen Dingen morgens, dann wenn unser Gedaechtnis dazu
neigt,
besonders intensiv Gestalt anzunehmen.
Zweifel - Wie das Bewusstsein erwacht!
Im Traum hat der Mensch kein Bewusstsein,
zumindest keines
im Sinne von Descartes und auch keines im Sinne der Medizin, denn er
kann keine
Kritik an dem Erleben aeussern, er muss die wahrgenommene Traumwelt
einfach
hinnehmen und durchleben, ohne Zweifel an ihr zu haben. Er weiss nicht
einmal,
was Zweifel ist oder sein koennte.
Erwacht der Mensch aber langsam aus dem tiefen
Traum, so
bemerkt er eine weitere, aeussere Realitaet, er liegt im Bett statt in
der
Folterkammer des Descartes, und er kann dann die Traumrealitaet in
Frage
stellen. Er kann feststellen, dass ihn diese Realitaet nur im Schlaf
betrifft,
und er hat so Bewusstsein zu seiner Wachrealitaet (wieder)erlangt.
AEhnlich, nur umgekehrt und ueber Jahrzigtausende
verteilt,
ist der fruehe Mensch wohl einst aus seiner Wachrealitaet aufgewacht.
Er hat zunehmend
erkannt, dass es noch eine innere, steuerbare Tagtraumrealitaet gibt,
hat
erkannt, dass es eine ihn individuell betreffende innere Welt gibt, die
er der aeusseren
Welt entgegenstellen kann. Eine innere Welt, die er, bei einiger
UEbung, auch
als seine eigentliche Welt anerkennen kann.
So fand der Mensch laut hier gezeigter Logik zu
seiner
Seele, zu einem Selbst- und Ich-Verstehen, zu Bewusstsein. Genau so,
nur in
Zeitraffer, finden auch unsere Kinder zu fruehem Bewusstsein. Und so
aehnlich
wie unsere Kinder heute sehr schnell, weil angeleitet lernen, so lernte
es der
fruehe Mensch langsam, weil aus eigener Kreativitaet, seinen inneren
Welten mit
Lauten und Symbolen eine wahrnehmbare Form zu geben, in der er sie
mitteilen,
kommunizieren konnte.
Womit aus dem isolierten Bewusstsein des
Individuums ein
allen Menschen gemeinsames Bewusstsein von Existenz entstand. Das von
allen
geteilte Gefuehl, beseelt zu sein.
Bald hatte es der Mensch auch gelernt, in seinen
Wachtraeumen
eine geistgeschaffene, bessere innere Welt zu sehen, die er dann aussen
materiell nachbilden konnte, statt wie frueher als Tier warten zu
muessen, dass
sich die bessere Welt durch Zufall ergaebe. Der gewollte Fortschritt
wurde moeglich,
und die Evolution des Zufalls wurde durch eine gedanklich gesteuerte
Evolution
abgeloest, die rasanten Fortschritt mit sich brachte.
Wir Menschen sind somit Lebewesen, die neben den
eher
verdeckten Instinkten, ueber einen hochentwickelten Urverstand
verfuegen und
zusaetzlich ueber eine hochentwickelte Tagtraeumerei. Ein sehr praezise
in den
Inhalten steuerbares, daher in Begriffe fassbares, mitteilbares Denken.
Womit auch die alte Frage geklaert ist, wie der
Mensch ueberhaupt
gezielt denken kann, wenn sich doch schon 10 verschiedene
Gedaechtnisinhalte zu
3,6 Millionen Gedanken fuegen lassen. Wie erzeugt er aus dieser
Vielfalt ein
sinnvolles Ergebnis, ohne alle denkbaren Ergebnisse kennen zu koennen?
Die Antwort: Wir erzeugen unsere Gedanken nicht
aktiv,
sondern diese kommen uns nach wie vor ueber das Gedaechtnis unmittelbar
zu. Als
moegliche, weil von den engen Praemissen des ueberlebenssichernden
Urverstandes
befreite, "kreative" Verknuepfungen der Gedaechtnisinhalte. Und aus
dieser Vorauswahl, aus dem, was wir davon zulassen wollen oder koennen,
aus
diesem Angebot waehlen wir aus und greifen steuernd und lenkend ein.
Doch wie jeder Fortschritt, so bringt auch ein
bewusst
steuerbares Denken Nachteile mit sich. So koennen wir unsere
Denkurteile
gezielt gegen die des Urverstandes stellen, den "eigenen" Urteilen
mehr glauben als der bewaehrten Logik des Lebens. Zwar macht genau
dieser moegliche
innere Widerspruch, dieses Aufbegehren, unser Bewusstsein aus, aber:
So entwickeln sich auch Neurosen. Als bewusst oder
unbewusst
denkerzeugte Fehlbeurteilungen von Welt und Selbst, die das Gedaechtnis
praegen
und denen der Betroffene schon bald nicht mehr zu entrinnen vermag,
weil ein
gepraegtes Gedaechtnis auch den autonomen Urverstand und damit das
Alltagsverstehen eines Menschen praegt.
Womit der Neurotiker zum Gefangenen von
Vorstellungen wird,
um deren Unlogik er aber, anders als der Psychotiker, immerhin weiss.
Was die
Sache aber fuer ihn nicht besser macht, die Qual kann sogar groesser
sein.
Das Denken kann auch Ursache der pathologischen
AEngste
sein. Und zwar dann, wenn staendig erneuerte Gedanken zu einem
moeglichen
Versagen von Koerper und Geist den autonomen Urverstand auf hoechste
Empfindlichkeit "einstellen". Mit der Folge, dass zu jeder harmlosen
Koerper- oder Weltwahrnehmung Gefuehle erlebt werden, wie sie ansonsten
nur bei
einer realen toedlichen Gefahr gespuert werden wuerden. Nun aber
sinnlos, weil
ohne eine objektiv wahrnehmbare Gefahr.
Korrigierbar aber dadurch, dass der Betroffene
sein Denken
wieder zuruecknimmt, seinem Koerper und dem Leben wieder zu vertrauen
lernt.
Ganz real oder auch in gefuehrten Traeumen, denn fuer das Gedaechtnis
und damit
fuer den Urverstand macht die Herkunft der neuen, korrigierenden
Inhalte keinen
Unterschied. Es unterscheidet nicht zwischen Traum und Realitaet, weil
beide
identische Voraussetzung haben – wahrnehmbare Inhalte, die durch eine
Logik
verbunden sind.
Ich - Wir sind drei!
Was noch fehlt, um das gefuehlte Selbst, das Ich
des
Menschen und dessen Herkunft vollstaendig, wenn auch nur im Denkansatz
zu
beschreiben, das ist das Triumvirat, aus dem sich dieses Ichgefuehl
bildet.
Da haben wir zum einen die uralten, beim Menschen
verdeckten
Instinkte, die uns, wenn, dann mit starken Gefuehlen zu einem
bestimmten
Verhalten veranlassen wollen. Zu Handlungen, die sich bei unseren Ahnen
bewaehrt
haben.
Zum anderen haben wir den autonomen Urverstand des
Menschen.
Als eine gedaechtnisbasierte Groesse ist er gepraegt durch das
wahrgenommene
Vorleben durch die Eltern. Deren Verhalten in den verschiedensten
Situationen
ist es, welches uns in vergleichbaren Situationen die Welt und uns
selbst auf
eine bestimmte Art und Weise wahrnehmen laesst. Ein "automatisches"
Verstehen, gegen das wir mit dem Denken zunaechst nur wenig ausrichten
koennen.
Und andere koennen das schon garnicht, jedenfalls nicht auf die
Schnelle.
Und dann ist da noch die juengste Entwicklung im
Zuge der
Evolution - das Denken. Gepraegt vor allem durch elterlich-schulische
Bildung,
also durch die mitgeteilten Erfahrungen, die sie und andere mit ihrem
Denken
gemacht haben. Mit dem auf diese Weise weitergegebenen Denken, mit der
erlernten Logik eines sinnvollen Denkens, koennen wir dann zunehmend
die Welt,
aber auch uns selbst durchschauen. Womit zunaechst einmal nur deutlich
wird:
Der Mensch braucht zwei Formen der Erziehung. Die
seines
Urverstandes durch Vorleben, so wie im Tierreich auch. Und die seines
Denkens,
durch mitgeteilte Denkinhalte und Vermittlung der Logik, wie man
derartige
Inhalte zu sinnvollen, kreativen Konstrukten verbindet. Deutlich wird
an dieser
Stelle aber auch, und darauf kommt es hier an:
Der sich ueberschneidende Bereich aller drei
Einfluesse,
Instinkt, Urverstand und Denken, wovon zwei durch Erziehung gepraegt
werden koennen,
ist es, der das von uns gefuehlte Ich ausmacht, unsere Seele. In allen
Facetten
und in wechselnden Anteilen von Trieb, Verstand und gewollter
Vorstellung, je
nach Erziehung, Lebensumstaenden und Kultur. Trotzdem nehmen wir immer
nur die
Spitze eines Eisberges wahr, denn mit Ausnahme der Triebe beruhen
sowohl
Urverstand als auch Denken in ihrer Auspraegung auf der "Topographie"
unseres Gedaechtnisses. Und die bleibt uns in der Regel verborgen. Zu
Ausnahmen
spaeter.
Soweit zu dem, was einen Menschen bei dieser
Genealogie
seines Geistes ausmacht.
Und wer nun glaubt, dieses Modell reduziere diesen
Geist,
sein Ich, auf ein Gehirn, welches das eben in Worten und Bildern
Aufgezeigte
durch neuronalen Stoffwechsel und sonstige Vorgaenge bewirke, der irrt
zutiefst.
Richtig verstanden und mit dem entsprechenden
Hintergrund
besagt das vorgestellte Modell, dass wir ureigentlich geistig und damit
abstrakt existieren, ohne Zeit und Raum, aber dass wir diese Existenz
"derzeit" so wahrnehmen, als waere sie konkret materiell. Und zwar in
genau dem Rahmen, in dem sich unsere und auch alle Existenz materiell
wahrnehmen, in stofflichen Gehirnvorgaengen darstellen laesst.
Eine Einsicht, die von den Vordenkern der modernen
Physik
und den Nachdenkern der vergangenen Zeiten geteilt wird. Und sie besagt
in
einem Postulat: Unser Bewusstsein ist das eines ursaechlichen Geistes,
der sich
in seiner Schoepfung in Allem was ist und auf einem zufallsgepraegten
Weg noch
sein wird, neu, weil materiell begreifen lernt. Ein Pantheismus.
Ein Pantheismus, der sich weit ueber jeden
personal
gedachten Gott erheben kann, weil das, was wir aus unserem Leben machen
und auch
an anderem Leben bewirken, zum Schicksal der Ursache, Gottes, und damit
auch zu
unserem eigenen Schicksal machen. Dann, wenn wir nach dem koerperlichen
Tod in
die Einheit eines nicht nach Raum und Zeit teilbaren Geistes
zurueckkehren.
Dann, wenn wir erleben, was die Welt Gott und damit auch uns als Teil
Gottes an
neuen Erfahrungen gebracht hat. Wenn also aus all den Einzelerfahrungen
der Leben
in Zeit und eine zeitlose, aus unserer Sicht „ewige“ Gesamterfahrung
wird.
Bis wir uns neue,
ganze andere Welten erfinden, in denen sich unser Geist zu einer
Gesamterfahrung
des Seins entwickeln kann. Mit dem Tode ist es also noch nicht vorbei.
Eher
schon faengt es gerade erst an, denn die Zahl der moeglichen Existenz,
in denen
sich Geist in anderen Umstaenden erleben kann und wird, ist weit
groesser, als
alle Buecher die bisher von den Menschen geschrieben worden sind. Die
Zahl ist
unendlich gross. Das meint der Begriff „ewige Existenz“.
Hypnose - Das unverstandene Scheinbewusstsein.
Schoene Worte waren das zum Schluss. Klar sollte
aber auch
sein, dass man die Dinge nicht so einfach, so scharf begrenzt und so
auf das
Wesentlichste reduziert sehen darf, wie es in einem solchen Aufsatz zur
Herkunft und kurz auch zum Sinn des geistigen Menschen geschehen muss.
Das waere
die falsche Lehre - und sie fuehrte ins Leere. Doch klar ist auch:
Das Spiel der Moderne, die Unkenntnis und
Missverstehen zum
Menschen und zu dem, was ihn ausmacht, hinter semantischen Haeufungen
von
gelehrt erscheinenden Worthuelsen zu verstecken beliebt, fuehrt in die
Leere.
Genauso wie der heute bereits unueberhoerbare Ruf der Esoterik, die
alles und
jedes mit fluechtigem Geist und energetischer Stroemung erklaeren will,
begruendet
mit Schwingungen.
Sinnvoller erscheint mir, eine Genealogie zu
sehen, in der
der Geist, das Bewusstsein des Menschen, nicht als unerklaerbarer
"Ausreisser"
der Materie oder goettlicher Odem erscheint, sondern als Folge einer
nachvollziehbaren Entwicklung des Lebens - vom Instinkt bis zur
heutigen Auspraegung
beim Menschen - logisch erklaert wird. Doch da nun solch ein Versuch,
ohne
Nachweis seiner Berechtigung nichts wert ist, nicht einmal das Papier,
auf dem
er steht, hier der bereits im Vorwort angekuendigte Nachweis.
Ein Nachweis, der sich auf die Erfahrung stuetzt,
dass das
Allgemeine in der Regel dann richtig erklaert wurde, wenn dieses
Allgemeine
auch das Besondere erklaeren kann, ohne zu Hilfskonstruktionen greifen
zu muessen,
ohne auf Neuigkeiten angewiesen zu sein.
Hier nun soll es der erklaerte Zustand des
alltaeglichen
Bewusstseins ermoeglichen, den besonderen Zustand der Hypnose in seiner
Ursache
und Wirkung erstmals allein mit der Logik zu erklaeren. Befreit von
allen
Mythen und Mysterien. Deshalb zunaechst zu den Phaenomenen, die sich
mit oder
unter Hypnose laut Erfahrung erzielen lassen:
Der Hypnotisierte verfuegt ueber ein
Erinnerungsvermoegen
bis in die Kindheit hinein. Unter Anleitung kann er sich sogar an Dinge
erinnern, die ihm damals, als er sie eher beilaeufig wahrnahm, nicht
bewusst
geworden sind. Auch ist er zu sehr belastenden Koerperstellungen
faehig, die
seine uebliche Leistungsfaehigkeit weit ueberschreiten. Selbst Schmerz
muss der
Hypnotisierte nicht fuehlen, und eine intensive Zahnbehandlung wird
ohne oertliche
Betaeubung gut durchgestanden. Es ist, als seien in Hypnose die
Alltags-Grenzen
von Gedaechtnis, Kraft und Wahrnehmung verschoben.
Einem Hypnotisierten kann in einer Show erklaert
werden, er
sei ein Hund und der so Erklaerte fuehlt sich als Hund, verhaelt sich
wie ein
Hund. Er schluepft je nach Anweisung in die verschiedensten Rollen,
windet sich
wie eine Schlange, doziert wie Einstein, im festen Glauben, er sei
Einstein. Es
ist, als habe man ihm seinen Verstand genommen und diesen durch den
Rapport des
Hypnotiseurs ersetzt. Auch Anweisungen, die ueber die Zeit der Hypnose
hinweg Gueltigkeit
haben sollen, werden wirksam. Bestimmte Wachwahrnehmungen koennen dann
bestimmte Gefuehle hervorrufen und es ist dann so, als haette man dem
Betreffenden unter Hypnose eine Art Instinkt angelegt, von dem er zwar
nichts
weiss, dem er aber bei Eintritt des Schluesselreizes folgen will.
Auch das Wahrnehmungsspektrum kann durch Hypnose
in den
Alltag hinein erheblich veraendert werden. So kann man einem
Hypnotisierten
erklaeren, dass er einen Mann in dunkler Kleidung und mit Hoernern am
Kopf im
Raum vorfinden werde, dieser weise aber leider keine Tueren auf. Nach
Ruecknahme
der Hypnose wird der Betreffende im Hypnotiseur den Teufel erkennen,
Angst
haben, fliehen wollen, die Tuer aber nicht finden, obwohl sie doch fuer
jeden
anderen sichtbar vorhanden ist. Es ist dann so, als haette man dem
Hypnotisierten sein wahrnehmendes Weltverstehen genommen.
Und das oeffentliche Erschrecken darueber, wie
leicht sich
der Mensch in Wahrnehmen, Denken und Fuehlen unter Hypnose beeinflussen
laesst,
ist gross. Und deshalb tritt die serioese Hypnose-Therapie gegen
Bedenken an,
deren Foerderer sie letztlich selbst ist, eben weil auch sie nicht
dezidiert
erklaeren kann oder will, was da genau vor sich geht. Denn der Begriff
Trance,
der so gerne gebraucht wird, ist nicht selbsterklaerend. Der Begriff
Trance
erklaert den Zustand Hypnose so wenig wie der Begriff Nebel eine Wolke.
Hier
nun der Versuch, die Hypnose auf der Grundlage des bisher Gesagten zu
erklaeren:
Werfen wir dazu einen Blick auf die typische
Hypnoseeinleitung, bei der Therapeuten auf Patienten treffen, die ihnen
vertrauen.
Zunaechst soll der Patient sich nur auf die
Fingerspitze des
Therapeuten konzentrieren und auf dessen Stimme. Sodann sagt der
Therapeut dem
Patienten "Erscheinungen und Gefuehle" voraus, die dieser so nicht
erwartet. Dass die Augen beginnen zu brennen, dass das Bild
verschwimmt, dass
die Augen muede werden, die Lider schwer wie Blei, dass sich die Augen
schliessen
wollen und schliesslich auch schliessen duerfen.
Diese Erscheinungen und Gefuehle sind zwar eine
natuerliche
Folge der starren Fixation, aber sie kommen im Alltagsleben nicht vor.
Es gibt
dazu keine Erfahrungen und daher keine urverstandlich erstellten
Bedeutungen,
die von dem Patienten wahrgenommen wird. Dafuer aber ist der Rapport
des
Therapeuten wahrnehmbar, der all diese Gefuehle und Erscheinungen klar
voraussagen kann. Besser, als der autonome Urverstand, den der Patient
zwar
begrifflich nicht kennt, dessen staendig wahrgenommenen Urteilen er
aber im
Leben unbewusst staendig vertraut.
Der Zweck des eben beispielhaft geschilderten
Vorgehens
liegt auf der Hand:
Der autonome Urverstand des Patienten soll durch
ein
Erleben, das im Alltag so nicht vorkommt, in einer Weise getaeuscht
werden, die
es dem Therapeuten moeglich macht, scheinbar treffsicherer zu sein als
dieser
Urverstand.
Das fuehrt zunaechst dazu, dass die
wahrnehmungsbegleitenden
Schluesse des Urverstandes weniger Beachtung durch den Patienten
erfahren. Er
konzentriert sich auf den Rapport. Durch weitere Suggestionen ist es
dann moeglich,
dass der Patient die Wahrnehmung seines Urverstandes sukzessive und
freiwillig
"aufgibt", waehrend der Therapeut vorsichtig und stufenweise die
Rolle des zurueckgedraengten Urverstandes uebernimmt.
Therapeut und Patient bringen so, ohne dass es der
Patient
will oder bemerkt, dessen Urverstand ‚zum Schweigen' und es kommt dann
zu einer
Bewusstseinslage aehnlich der beim Schlaf. Der Patient schlaeft aber
nicht,
sondern sein Denken ist hellwach, nur der Urverstand schweigt. Und wenn
man so
will, ist der Hypnotisierte nun der aelteren Haelfte seines Geistes,
des
Urverstandes, ‚beraubt', ohne es zu bemerken.
Der Patient glaubt zwar, dass er ueber volles
Bewusstsein
verfuege, doch in Wahrheit erlebt er nur ein Scheinbewusstsein, denn
der
Gegenpol seines Denkens ist nicht mehr sein autonomer Urverstand,
sondern der
Rapport des Therapeuten.
Was aber das Ersetzen des Urverstandes durch einen
anderen
bedeutet, das zeigt ein Rueckblick auf die Rolle, die der Urverstand
fuer den
Menschen seit jeher spielt:
Der Urverstand ist die erste, von den eigenen
Erfahrungen
gepraegte Welt– und Selbstbeurteilungsquelle, die dem Menschen zukommt.
Er ist
keine Faehigkeit, sondern das Erleben von Gedaechtnisinhalten, die sich
erfahrungsorientiert und raum-zeit-logisch kombiniert mit
Wahrnehmungsinhalten
als deren Bedeutung praesentieren. Mit diesem Urverstand lernen wir von
Geburt
an den Koerper und dessen Faehigkeit einzuschaetzen. Diesem Urverstand
danken
wir es auch, nur das zu erinnern, was von logikbestimmter Wichtigkeit
ist,
denn: Wuerden wir bei jeder Wahrnehmung jede Bedeutung erfahren, die
die
Wahrnehmung laut Gedaechtnis fuer uns haben koennte, so waeren wir zu
keinem
Verhalten mehr faehig.
Unter Hypnose fehlt nun diese urverstandliche
Seite, und so
ist es wenig erstaunlich, dass der Mensch dann zu belastenden
Koerperstellungen
faehig ist und etwa mit Fuessen und Kopf fast wie ein steifes Brett
ueber zwei
Stuehlen liegt. Diejenige Komponente des Ich, die den Menschen in seine
erfahrungsgemaesse Physiologie zwingt, der Urverstand, schweigt
zugunsten des
Hypnotiseurs. Dessen Vorgaben steuern nun die Physis.
So erklaert ist es auch nicht erstaunlich, dass
sich ein
Mensch unter Hypnose als Hund fuehlen kann. Er glaubt, bei vollem
Bewusstsein
zu sein, besitzt seine Denkfaehigkeit, er kann sich aber gleichwohl
nicht mit
Zweifel betrachten, da sein Urverstand zugunsten des Rapports des
Hypnotiseurs
schweigt. Die einen Zweifel ermoeglichende innere Polaritaet von
Urverstand und
Denken fehlt dem Hypnotisierten. Und sagt ihm der Hypnotiseur, er sei
ein Hund,
muss der Mensch dies so kritiklos wie in einem Traum glauben, hinnehmen
und
sich entsprechend verhalten, ganz ohne Zweifel zu haben.
So erklaert ist es auch nicht erstaunlich, dass
das Gedaechtnis
des Hypnotisierten fast eidetische, die Vergangenheit bildgetreu
reproduzierende Zuege hat. Denn schweigt der Urverstand, so besteht
fuer die
sinnvolle Beschraenkung der Wahrnehmung vorhandener Gedaechtnisgehalte
kein
Anlass mehr. Das Gedaechtnis kann nun in dem Umfange erlebt werden, wie
es dem
Therapeuten gelingt, Anknuepfungspunkte zur Vergangenheit zu finden, um
sie als
ein Konstrukt aus vorhandenen Bausteinen auferstehen zu lassen. Ein
Konstrukt,
nicht mehr, aber auch nicht weniger.
So erklaert ist es auch nicht erstaunlich, dass
Anweisungen,
die unter Hypnose gegeben werden, noch lange Zeit spaeter Wirkung
entfalten koennen,
denn der Therapeut gibt hier zu bestimmten Objekten der Wahrnehmung
eine neue
Verknuepfungslogik vor. Ein Eingriff in seinen Geist, den der
Hypnotisierte in
seinem singulaeren, kritiklosen Erleben nicht bemerkt, der aber
durchaus bestehen
bleibt.
Folglich wird die Wahrnehmung eines entsprechenden
Objektes
im Wachzustand mit der unter Hypnose vorgegebenen Verknuepfung, zumeist
einer
Gefuehlsbesetzung, erlebt.
Fazit: Hypnose ist keine Unterhaltung mit dem
Unbewussten,
wie manche glauben, denn mit einer Art von Mathematik laesst sich
schlecht
plaudern. Auch nicht in Bildern. Hypnose ist nichts anderes als das
Zulassen
und das gezielt gesteuerte "Erzeugen" von Eindruecken, wie sie uns
aehnlich
auch im Schlaftraum erscheinen koennten. Traeume, die dann als
Wahrnehmungen (wie
die Wachwahrnehmungen auch) unser Gedaechtnis praegen und so ueber den
Urverstand unsere waches Welt- und Selbstverstehen.
Von Bedeutung ist das vor allem, weil der
Hypnotisierte im
Traum ueber ein eidetisches Gedaechtnis verfuegt, mit dem er Zugang zu
emotional schwerwiegenden Erlebnissen haben kann, die er sozusagen noch
einmal
durchlebt. Nun aber mit der Erfahrung seines bisherigen Lebens und
unter
Anleitung eines kundigen Therapeuten.
Das wiedererlebte Ereignis kann so in Hypnose neu
bewertet
werden, kann zu anderen Schluessen fuehren, und oft genuegt schon eine
einzige
Sitzung, um dem Patienten nach der Hypnose ein neues Lebensgefuehl
geben zu koennen.
Nicht weil der das so will, sondern weil ihn sein gedaechtnisbasierter
Urverstand die Welt und sich selbst anders, anders bedeutet wahrnehmen
laesst.
Sinnvoller und sanfter kann eine Heilung des Geistes beim Menschen
nicht
erfolgen.
Hypnose ist also ein geleitetes Traeumen. Ein
geleitetes,
durch den schweigenden Urverstand kritikfrei gestelltes, bildhaftes
Denken. Ein
Lernen aus kontrollierten Traeumen, aus einem kontrollierten,
angeleiteten
Denken. Manchmal auch eine nachgeholte Erziehung, wenn man so will. Und
Bildern
kommt dabei in der Hypnose eine besondere Rolle zu, denn da
Gedaechtnisinhalte
notwendig abstrakter Natur sind muessen sie zur Wahrnehmung immer in
wahrnehmbare "Formen" ueberfuehrt werden, um als Gedachtes neu
erfahren zu werden, um damit arbeiten zu koennen. Und, das ist
besonders
wichtig:
So betrachtet, verliert die Hypnose ihren
mystischen
Charakter und sie erklaert sich in Ursache und Wirkung vollstaendig
allein aus
der hier aufgezeigten, eindeutigen Struktur unseres Geistes.
Quod erat faciendum.
NACHTRAG 2025
Poeppel, die Eleaten und die diskrete Existenz
Ein Rueckblick mit zwanzig Jahren Abstand
copyright 2025 Dieter M. Schulz-Hoos, Muenchen
Zwanzig Jahre sind vergangen, seit ich diesen Text
ueber
Bewusstsein und Hypnose verfasste. Damals stand Ernst Poeppels
3-Sekunden-Regel
noch am Rande meiner UEberlegungen – eine empirische Kuriositaet, die
gut ins
Bild passte, aber deren tiefere Bedeutung ich noch nicht erfasst hatte.
Heute, nach intensiver Auseinandersetzung mit der
eleatischen Philosophie und den Grundlagen der Physik, erkenne ich:
Poeppels
Forschung zur zeitlichen Taktung des Bewusstseins liefert nichts
Geringeres als
empirische Belege fuer eine radikale metaphysische These, die bereits
die
vorsokratischen Eleaten ahnten und die ich in meinem physikalischen
Modell
weiterentwickelt habe:
Das Universum – und mit ihm unser
Bewusstsein –
existiert nicht kontinuierlich, sondern diskret.
I. Von Poeppels Zeitfenstern zur diskreten
Existenz
Poeppel zeigte, dass unser Bewusstsein nicht
kontinuierlich
"fliesst", wie wir es subjektiv erleben, sondern in diskreten
Zeitfenstern organisiert ist:
30 Millisekunden: Die minimale Zeitaufloesung fuer
Gleichzeitigkeit – das kleinste wahrnehmbare "Jetzt"
3 Sekunden: Das subjektive Gegenwartsfenster – die
maximale
Spanne unmittelbarer Praesenz
Zwischen diesen Takten liegt etwas, das ich damals
"Urverstand" nannte: eine unbewusste, blitzschnelle Integration von
Wahrnehmung und Gedaechtnis, die uns handlungsfaehig macht, bevor das
bewusste
Denken ueberhaupt einsetzt.
Heute verstehe ich diesen Urverstand neu: Er ist
die
neuronale Maschinerie, die diskrete Existenzmomente zu einer scheinbar
kontinuierlichen Erfahrung verschweisst. Nicht durch bewusstes
Nachdenken,
sondern durch autonome zeitliche Integration.
Und hier schliesst sich der Kreis zu den Eleaten.
II. Parmenides Paradox und die moderne Physik
Die Eleaten – Parmenides, Zenon und ihre
Nachfolger –
lehrten vor 2500 Jahren eine auf den ersten Blick absurde These:
Bewegung und
Veraenderung sind Illusionen. Was existiert, existiert absolut,
zeitlos, unveraenderlich.
Die wahrgenommene Welt des Werdens ist Taeuschung der Sinne.
Lange galt diese Lehre als ueberwundener
philosophischer
Irrweg. Doch die moderne Physik hat die Eleaten rehabilitiert – auf
verblueffende
Weise:
1. Die Relativitaetstheorie zeigt: Es gibt keine
absolute
Zeit, kein universelles "Jetzt". Was "gleichzeitig" ist, haengt
vom Beobachter ab. Zeit ist keine fundamentale Groesse, sondern eine
Perspektive.
2. Die Quantenmechanik enthuellt: Auf
fundamentaler Ebene
ist die Welt nicht deterministisch-kontinuierlich, sondern diskret und
probabilistisch. Planck-Laenge und Planck-Zeit (ca. 10^-43 Sekunden)
koennten
die kleinsten sinnvollen Raumzeit-Einheiten sein – diskrete "Pixel"
der Realitaet.
3. Die Schleifenquantengravitation vermutet:
Raumzeit selbst
ist nicht kontinuierlich, sondern ein Netzwerk diskreter Ereignisse.
Carlo
Rovelli spricht von einer "relationalen" Physik: Nicht Dinge
existieren in der Zeit, sondern Ereignisse konstituieren Zeit durch
ihre
Beziehungen.
Das eleatische Paradox loest sich so auf: Die Welt
ist tatsaechlich
nicht kontinuierlich. Sie "existiert" in diskreten Takten – und was
wir als Bewegung und Veraenderung wahrnehmen, ist das Nacheinander
dieser
diskreten Zustaende. Genau wie ein Film aus einzelnen Standbildern
besteht, die
erst durch die Traegheit unserer Wahrnehmung zu "Bewegung"
verschmelzen.
III. Der Urverstand als Integrator diskreter
Existenz
Und hier wird Poeppels Forschung zur Bruecke
zwischen Physik
und Bewusstsein:
Wenn das Universum tatsaechlich in diskreten
Takten
existiert – sagen wir: auf der Planck-Skala von 10^-43 Sekunden –, dann
ist
unser Bewusstsein mit seinen 30-Millisekunden-Fenstern und
3-Sekunden-Integrationen nur ein grobes Echo dieser fundamentalen
Diskretheit.
Das, was ich damals "Urverstand" nannte, waere
dann die neuronale Antwort auf ein kosmisches Problem: Wie baut man aus
diskreten Existenzmomenten eine handlungsfaehige Kontinuitaet der
„Lebewesen" auf?
Die Antwort: Durch zeitliche Integration und
Gedaechtnis.
Die 30-Millisekunden-Fenster binden einzelne
neuronale
Ereignisse zu einer "Wahrnehmung"
Die 3-Sekunden-Integration bindet Wahrnehmungen zu
einer
"Gegenwart"
Das Gedaechtnis bindet Gegenwarten zu einer
"Biographie"
Das Ich entsteht als Muster ueber diese diskreten
Momente
hinweg
Das Ich ist somit keine Substanz, sondern eine
Struktur.
Es existiert nicht kontinuierlich, sondern wird in jedem Moment neu
erzeugt –
und durch Gedaechtnis zur Illusion einer kontinuierlich lebenden und
denkenden
Person verknuepft.